• Ruth Gogoll: Das Modell

Als Kunststudentin in notorischer Geldnot nimmt Anna den Job als Aktmodell bei ihrer Professorin an. Von Sitzung zu Sitzung gewöhnt sie sich immer mehr sowohl an die Nacktheit als auch an die raue Kälte, die ihr die schroffe Malerin stets entgegenbringt. Doch eines Tages verlangt die Professorin etwas, das eine Grenze sprengt – aber gleichzeitig den Beginn einer ungewöhnlichen Beziehung markiert . . .

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Leseprobe:

Eckdaten
Format Taschenbuch
Seiten 52
Leseprobe

Sie öffnete die Tür und ließ mich ein wie immer. »Zieh dich aus«, sagte sie.

Nicht barsch, nicht unfreundlich, aber auch nicht interessiert, in keiner Weise gefühlvoll oder einfühlsam. Sie sah mir nicht zu. Ich hätte gar nicht hinter dem Wandschirm verschwinden müssen. Ich hätte mich genauso gut direkt vor ihr ausziehen können.

Als ich nackt war, ging ich zu dem Stuhl, auf dem ich die letzten Male gesessen hatte, ein unbequemer, hochlehniger Stuhl, der mich zwang, gerade und aufrecht zu sitzen, auch wenn ich müde war und sie mich stundenlang in einer Position verharren ließ, die meines Erachtens nichts mit Natürlichkeit zu tun hatte.

»Nein!«, sagte sie plötzlich energisch. Sie sah knapp an mir vorbei, als ich mich umdrehte und zu ihr hinüberblickte. »Leg dich hin. Da steht ein Sofa.«

Jetzt, da sie mich darauf aufmerksam machte, sah ich es. Es war zuvor nie dagewesen. Sie musste es für diese Sitzung erst besorgt haben.

Es war ein altertümliches Sofa, eher eine Chaiselongue, kein besonderes Stück, weder antik noch neu. Es sah eher aus, als sei es ausrangiert worden. Die rötliche Farbe war schon etwas verblasst, und das kleine weiße Blümchenmuster darauf hatte sich farblich fast an die Umgebung angepasst. Es wirkte undefinierbar, ausdruckslos. Kein Charakterzug seiner Besitzer – außer vielleicht deren Spießigkeit – hatte sich darin eingegraben.

Und auch jetzt erfüllte es wieder nur eine Funktion, so, wie es sie vielleicht schon die letzten fünfzig Jahre in irgendeiner Wohnküche erfüllt hatte.

Sie wurde ungeduldig. »Was ist?«

Ich merkte an ihrer Stimme, dass ich ihr heute besser nicht widersprach. Das gefiel ihr nie, aber manchmal ignorierte sie es einfach, und ich konnte es mir leisten, gegen die eine oder andere Position zu protestieren, wenn sie mir allzu unbequem erschien. Heute würde sie keinen Widerspruch dulden.

»Leg dich endlich hin.«

Ich sah sie fragend an und legte mich flach auf den Rücken.

Sie schüttelte unwillig den Kopf. »Nicht so! Leg dich auf die Seite und stell ein Bein auf. Ich möchte deinen Bauch sehen.«

Ich wusste, es war sinnlos, aber ich wagte es trotzdem. »Magst du meinen Bauch denn?«, fragte ich.

Sie sah gar nicht zu mir hin, sondern maß irgendeinen Abstand auf der Staffelei mit Hilfe eines Pinsels und zusammengekniffener Augenbrauen. Sie hielt den Pinsel zwischen sich und die Leinwand und bewegte ihn ein bisschen von links nach rechts. »Du weißt, dass ich deinen Körper mag. Sonst würde ich ihn nicht malen«, erwiderte sie abwesend.

Mehr würde ich von ihr heute nicht bekommen, das spürte ich, aber ich wollte noch nicht aufgeben. Manchmal konnte ich sie mit meiner Hartnäckigkeit zu einer fast menschlichen Reaktion provozieren. »Was magst du an meinem Körper?«, fragte ich wie schon mindestens ein Dutzend Mal.

Sie war zu abgelenkt, zu sehr mit der Planung ihres Bildes, den Abständen auf der Leinwand beschäftigt, um sich wegen der Wiederholung zu echauffieren. »Deine Rundungen«, erklärte sie knapp. »Du hast Formen. Im Gegensatz zu den meisten jungen Mädchen heutzutage. Die könnte ich nicht malen. Da würden ja vier Striche reichen.«

Sie sah immer noch nicht zu mir hin. Ich wollte, dass sie mich ansah. »Liege ich so richtig?«, fragte ich deshalb.

Sie blickte halb gestört in meine Richtung. »Aber so doch nicht!«

Verärgert warf sie den Pinsel auf die Staffelei und stellte ihre Bemühungen, die Abstände festzulegen, für den Moment ein. Mit großen Schritten kam sie zu mir herüber. Der halblange Malerinnenmantel wehte hinter ihr her, als ob er ihr kaum folgen könnte.

Mit einer Hand griff sie an meine Hüfte und zog sie mit festem Griff nach vorn. Sie war nicht direkt grob, aber ich hätte mir das Ganze auch etwas sanfter vorstellen können, zärtlicher.

Aber das kam ihr gar nicht in den Sinn. Sie fuhr jetzt mit der Hand über meinen Bauch, der für einen Moment versuchte, sich in ihre Innenfläche zu schmiegen. Dann schob sie ihre Hand zwischen meine Beine und zog sie leicht etwas auseinander, um sie besser zu drapieren. Sie strich über die Innenseiten der Schenkel bis zum Knie hinunter und zog dort ein bisschen, schob hier ein wenig. Zum Schluss nahm sie den Knöchel des nun oben liegenden linken Beines und stellte den Fuß so auf, dass mein Knie in die Luft zeigte.

Es war eine sehr erotische Position. Der Blick zwischen meine Beine war völlig freigegeben, und obwohl ich schon die ganze Zeit über nackt war, fühlte ich mich erst nun endgültig entblößt.

Dennoch durchliefen mich immer noch wohlige Schauer vom Reiz ihrer Berührungen. Obwohl alles nur dem einen Zweck diente, mich richtig zu positionieren, hatte das Streicheln ihrer Hände mich erregt. Ich sah es an meinen Brustwarzen und spürte es zwischen meinen Beinen.

Mochte sie wirklich nur meinen Körper als Modell? War ich nur eine Vorlage für sie, ein rein funktionales Objekt? Hatte eine Frau, wenn sie sich vor ihr entblößte, nur diese eine Bedeutung für sie? Ich dachte an ihre streichelnden Hände, und es erregte mich erneut. Ich schloss die Augen.

»Lass das!«, unterbrach sie scharf meine Träumereien. »Schau mich an.«

Ich öffnete die Augen wieder und blickte zu ihr auf.

Sie stand vor dem Sofa und begutachtete ihr Werk mit kritischem Blick. »Gut«, sagte sie. »Bleib so.«

Sie wandte sich um, um zu ihrer Staffelei zurückzugehen. Nach dem ersten Schritt stockte sie. Ganz kurz drehte sie sich auf dem Absatz und kam noch einmal zum Sofa. Ihre Hand senkte sich auf meinen Po nieder und strich langsam in Richtung Oberschenkel. Sie veränderte meine Position nicht. Ich hätte beinah aufgestöhnt vor so viel plötzlichem Entzücken.

Dann drehte sie sich wieder um und war mit drei Schritten an ihrer Staffelei. Fast verschwand sie dahinter.

Was war das gewesen? So etwas hatte sie bis jetzt noch nie getan.

Hatte sie vielleicht doch Gefühle? Kannte sie meine Sehnsucht und war sie ihrer ähnlich? Konnte es sein, dass auch sie mich begehrte so wie ich sie? War der Körper als Objekt malerischer Begierde doch nur ein Vorwand, der ganz anderen Zwecken diente, auch wenn ich das bis jetzt noch nie gespürt hatte? Ich wusste es nicht, doch ich würde es herausfinden.

»So ist es besser«, sagte sie, als wollte sie bewusst davon ablenken, was soeben vorgefallen war, ohne es zu erwähnen. »Jetzt liegst du richtig.«

Na, das würden wir noch sehen!

~*~*~

Ich ging einmal in der Woche zu ihr. Als Kunststudentin brauchte ich die eine oder andere Nebeneinnahme, um mein Studium zu finanzieren. Ich hatte schon diverse Jobs gehabt, Kellnerin, Fahrerin, Rasenmähen – ich war mir für fast nichts zu schade, wenn es Geld einbrachte. Schon immer hatte ich mir jedoch gewünscht, ich könnte in einem Bereich arbeiten, der mehr mit meinem Studium zu tun hatte.

Und da war sie gekommen. Sie unterrichtete Aktzeichnen an der Kunsthochschule, und ich nahm an ihrer Klasse teil. Eines Morgens erschien das Modell nicht, wir saßen etwas ratlos herum, als sie den Raum betrat.

»Wer stellt sich zur Verfügung?«, fragte sie, nachdem sie die Situation erfasst hatte, und ließ ihren Blick schweifen. Ich bildete mir ein, er blieb ein wenig länger an mir hängen als an den anderen.

Es war fast wie ein hypnotischer Befehl. Ich stand auf, und plötzlich richteten sich alle Blicke auf mich, erleichtert, wie mir schien.

»Gut«, sagte sie. »Nimm dieselbe Pose ein wie letztes Mal.«

Ich hatte so etwas noch nie getan, und schon so nackt vor meinen Mitstudenten zu stehen, bereitete mir Unbehagen, geschweige denn noch eine Pose einzunehmen.

Sie wurde schnell ungeduldig, das hatten wir alle schon das eine oder andere Mal erfahren müssen, und so war es auch an diesem Tag wieder. »Nun mach schon«, sagte sie. »Stell dich nicht so an.«

Ich versuchte ihren Anforderungen so gut wie möglich gerecht zu werden und meine Nacktheit zu ignorieren. Glücklicherweise gehen auch die schlimmsten Dinge irgendwann vorbei. Erleichtert verschwand ich hinter dem Paravent und zog mich wieder an.

»Die steht doch garantiert auf SM«, witzelte einer meiner Mitstudenten, als wir alle gemeinsam das Studio verließen.

»Anna vielleicht auch.« Ein anderer grinste genüsslich. »Hast du gesehen, wie sie sie die ganze Zeit angestarrt hat? Das war doch nicht das erste Mal, dass sie sie nackt gesehen hat.«

»Du musst es ja wissen«, warf ich von hinten ein.

Er drehte sich um, in keiner Weise verlegen. »Weißt du es denn nicht?«, fragte er provozierend.

»Ich weiß«, sagte ich, »dass ich noch nie so viel gelernt habe wie bei ihr. Und das gilt glaube ich für uns alle. Wir sollten froh sein, dass wir sie als Lehrerin haben.«

»Du stehst doch auf SM«, grinste er auf mich hinunter. »Warum würdest du sie sonst so verteidigen? Wie ist es denn so mit ihr? Hat sie Peitschen und all den Kram? Treibt ihr es in schwarzem Leder?«

»Spinner.« Ich schüttelte den Kopf. Aber ich musste zugeben, dass seine Phantasien meine in Gang gesetzt hatten. Ich hatte nicht die geringste Erfahrung mit SM, aber Maya Kempner in schwarzem Leder hatte schon was . . .

»Echt, Männer . . .«, mischte sich da eine andere Stimme ein, die meiner Freundin Amelie. »Nichts als Sex im Kopf. Wenn eine Frau was auf dem Kasten hat, das könnt ihr einfach nicht vertragen, oder? Sie ist tausendmal mehr wert als ihr. Anna hat recht: Wir sollten froh sein, dass wir von so jemand wie Maya lernen können.«

»Fragt sich nur, was«, grinste er.

»Ach, was soll’s? Hat ja alles keinen Sinn. Komm, Anna, wir leihen uns jetzt ein paar Handschellen aus und treiben Spielchen, zu denen Männer nicht zugelassen sind.« Amelie zog mich am Arm, und wir bogen in einen Gang ab.

»Das geht jetzt durch die ganze Schule.« Ich musste glucksen. »Ab morgen meinen die alle, wir wären ein Paar. Mit Handschellen aneinandergekettet.«

»Ist mir doch egal.« Mit Selbstbewusstsein hatte Amelie keine Probleme. »Die gehen mir so auf den Senkel. Halten sich für die größten Künstler, dabei sind sie nur kleine Jungs, die angeben wollen.«

»Oh, oh.« Ich zog die Augenbrauen hoch. »Was hat Patrick wieder angestellt?«

Amelie atmete tief durch. »Ich verstehe es einfach nicht«, sagte sie. »Am Anfang haben wir uns so gut verstanden. Ich dachte wirklich, ich hätte den Mann meines Lebens gefunden.«

Ich strich ihr tröstend über den Arm. »Ich mag Patrick, aber was du mir in letzter Zeit alles so erzählt hast . . .«

»Ja, ich weiß.« Amelie seufzte. »Er benimmt sich wie ein Elefant im Porzellanladen. Aber irgendwie . . . liebe ich ihn eben immer noch.«

»Vielleicht renkt es sich ja wieder ein, und er hat nur so eine Phase –«

»Die jetzt schon ein halbes Jahr dauert«, setzte Amelie etwas mutlos fort. »Sei froh, dass du frei und ungebunden bist.«

»Na ja.« Ich zuckte die Schultern. »So ganz freiwillig ist das nicht. Ich habe nämlich bisher leider noch nie das Gefühl gehabt, ich hätte die Frau meines Lebens gefunden.«

»Vielleicht ist es ja Maya«, schmunzelte Amelie.

Ich verzog das Gesicht. »Denkst du, sie ist lesbisch?«

»Keine Ahnung. Normalerweise mache ich mir über so etwas keine Gedanken. Aber ein Versuch kann nie schaden, oder? Kevin hatte schon ein bisschen recht: Sie hat dich heute sehr . . . hm . . . eingehend betrachtet, als du da oben auf dem Podest standst.«

»Ich habe mich gar nicht getraut, irgendwo hinzuschauen.« Ich lächelte etwas verlegen. »Es war zu ungewohnt.«

»Ich weiß ja nicht, wie eine Frau eine Frau ansieht, wenn sie was von ihr will«, meinte Amelie, »aber wenn Maya ein Mann wäre, wüsste ich schon, was die Uhr geschlagen hat.« Sie legte leicht den Kopf schief. »Hättest du denn wirklich Interesse an ihr?«

Ich runzelte die Stirn. »So richtig habe ich darüber noch nie nachgedacht. Ich finde es einfach beeindruckend, wie gut sie ist, was sie alles weiß, welche künstlerischen Ideen sie hat. Sie ist so eine Art Vorbild für mich.«

»Vielleicht könntest du ja ihre Muse sein.« Amelie grinste. »Die kommen den Künstlern doch immer am nächsten.«

Ich boxte sie auf den Arm. »Versuch du es doch als ihre Muse. Ich glaube, du hast sehr viel mehr Talent dazu.«

»Sie ist aber nicht so ganz mein Typ.« Sie hob die Augenbrauen. »Ist ja schon ein bisschen älter.«

»So alt auch wieder nicht«, widersprach ich. »Irgendwas über dreißig.«

»Zu alt für mich«, behauptete Amelie. »Ich mag meine Liebhaber jung und knackig.« Ihr Grinsen verwandelte sich in einen ernsten Gesichtsausdruck. »Ach, was rede ich denn da? Ich will Patrick. Und ich will, dass er mich will. Es wäre mir völlig egal, wie alt er wäre.«

»Was ist denn nur los?«, fragte ich.

»Dafür brauche ich einen großen Pott Kaffee.« Sie verzog schief einen Mundwinkel. »Spendierst du mir einen?«

»Aber sicher.« Ich hakte sie unter. »Gehen wir zu mir nach Hause.«

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Ruth Gogoll: Das Modell

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