• Nadine C. Felix: Liebe, stärkste Macht auf Erden

Firmenchefin Valerie fühlt sich zu ihrer Geschäftsführerin Emma hingezogen – und wehrt sich gleichzeitig dagegen, da sie doch eigentlich nicht auf Frauen steht. Zumal sie mit der Liebe nach einigen schweren Schicksalsschlägen sowieso schon abgeschlossen hat. Eine unfreiwillig gemeinsam im Büro verbrachte Nacht und ein schwerer Unfall bringen sie und Emma einander näher. Doch erst die Konfrontation mit ihrer Vergangenheit, bei der Valerie beinahe alles verliert, zeigt ihr endgültig, dass sie Emma und der Macht ihrer Liebe nicht länger widerstehen will.

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Leseprobe:

Eckdaten
Format Taschenbuch
Seiten 240
Leseprobe

1

Valerie stand am Fenster ihres Büros im sechsten Stock und warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. Wo blieb sie nur? Eine halbe Stunde wartete sie nun schon, doch von ihren bestellten Unterlagen war weit und breit nichts zu sehen. Sie fuhr sich mit einer Hand übers Haar und spürte die kalte Luft, die durch die gekippten Fenster hereinwehte.

Die Abenddämmerung brach herein, und die fernen Lichter der Stadt begannen schillernde Reflexe zu erzeugen. Ein letztes Mal ließ sie ihren Blick über die Stadt und den Hafen gleiten, aber ohne das atemberaubende Panorama wirklich wahrzunehmen. Dann wandte sie sich seufzend ab, ging über den dicken, dunkelroten Teppich zu ihrem Schreibtisch und drückte auf einen Knopf, der die Fenster automatisch schloss.

Mit schnellem Schritt verließ sie ihr Büro und blieb im Vorzimmer vor dem Schreibtisch ihrer Ersatzsekretärin stehen, die sie gar nicht bemerkte, weil sie in ein Telefongespräch vertieft war. Stirnrunzelnd betrachtete Valerie die von der Zeitarbeitsfirma bereitgestellte Bürokraft. Frau Robiné war für Sefora eingesprungen, ihre langjährige Sekretärin. Sefora hatte es sich einfach nicht ausreden lassen, ihr Baby ausgerechnet jetzt zu bekommen. Valerie vermisste ihre langjährige Sekretärin, die ständig und äußerst kompetent damit beschäftigt war, ihre zahlreichen Termine zu koordinieren und ihre Unterlagen zu sortieren. Wie kompetent, war ihr erst heute wieder bewusstgeworden, als sie nach einer wichtigen Geschäftsverhandlung in ihr Büro zurückgekehrt war. Sie hatte wie immer damit gerechnet, die zuvor angeforderten Papiere zuoberst auf dem Stapel der wichtigen zu bearbeitenden Unterlagen vorzufinden, doch dort lagen sie nicht.

Sie hörte Frau Robiné schüchtern in ihr Handy lachen. Hörte, wie sie fast schon melodisch meinte, dass sie noch nie so verliebt gewesen sei.

Innerlich schüttelte Valerie den Kopf. Sie war froh, verschont zu bleiben von diesem Wahnsinn, der sich Liebe nannte. Schrecklich!

Genervt verdrehte sie die Augen über diese Gefühlsduselei. Und noch nerviger war, dass ihre Hoffnung, die dringend erwarteten Unterlagen wenigstens jetzt auf dem Schreibtisch von Frau Robiné zu finden, sich gerade aufgrund des dort vorherrschenden Chaos zerschlug.

Sie räusperte sich laut.

Frau Robiné zuckte zusammen, legte eine Hand über das Handy, ließ es sinken und drehte sich langsam mit angstvoller Miene zu ihr um. Leise kam ein »Ja, Frau Burghaus?«

Kurz ließ Valerie ihren Blick aus dem Fenster schweifen, um sich zu sammeln und die Sekretärin nicht anzuschreien. Dann sah sie Frau Robiné durchdringend an. »Ich brauche die Unterlagen, die ich vor dem Meeting angefordert habe. Würden Sie also jetzt bitte Ihr Gespräch beenden und sie mir geben?«

Frau Robiné sackte etwas in den Stuhl. Sie nahm die Hand vom Handy, drehte sich etwas von Valerie weg, murmelte etwas in das Gerät und steckte es in ihre Handtasche. Dann hob sie sichtlich nervös etliche Stapel Papiere vom Schreibtisch hoch, bis sie die Unterlagen gefunden hatte und sie Valerie reichte. »Hier. Ich bitte um Entschuldigung.«

Valerie verdrängte ihren zunehmenden Frust. Mit einer derart unprofessionellen Sekretärin hatte sie nicht gerechnet. Ohne ein weiteres Wort zog sie sich in ihr geräumiges Büro zurück, ließ sich in ihrem Ledersessel nieder und blickte über den großen, dunklen Holztisch zum Fenster.

Seit fünf Jahren hatte sie ihre Firma, die sie als Ein-Personen-Unternehmen gegründet und seither stetig vergrößert hatte. Sie entwickelte eine Robotik-Software, mit der sich komplexe Bewegungen und Aufgaben eines Roboters schnell und intuitiv programmieren ließen. Die Software war auf die neueste Generation flexibler Industrieroboter abgestimmt und hatte in der Fertigungsindustrie eine Lücke geschlossen, so dass Valerie schnell einen großen und treuen Kundenstamm gewonnen hatte. Konkurrenzunternehmen, die sie hätte fürchten müssen, gab es keine. Und auch sie selbst musste nicht um ihren Posten bangen. Als Hauptentwicklerin der Software hatte sie sämtliche Vorgänge im Blick und überdies großes Geschick darin, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun, was sie ihrem kühlen, sachlichen und logischen Verstand zu verdanken hatte.

Sie atmete tief ein und dachte an die Konferenz von heute Morgen. Und an . . . Sie riss die Augen auf, stöhnte leise und legte den Kopf in ihre Hände. Am besten wäre es, solche Situationen in Zukunft zu vermeiden, dachte sie. Doch das ging leider nicht.

Sie schüttelte heftig den Kopf, stand auf, ging in das anliegende kleine Badezimmer und betrachtete sich im Spiegel. Ihre Augen blickten sie leer an. Ich sehe alt aus, schoss es ihr grimmig durch den Kopf. Sie schnitt sich selbst eine Grimasse. Eigentlich hätte die Zeit doch alle Wunden heilen sollen. Sagte man nicht so? Aber irgendwie schien das in ihrem Fall nicht zuzutreffen. In den letzten Jahren hatte sie einen schmerzhaften Prozess durchmachen müssen, und auch wenn es Fortschritte gegeben hatte – die Schmerzen schienen nicht weniger zu werden. Zuerst war sie viel zu erschüttert gewesen, um etwas anderes zu tun als zu weinen. Dann war die Verdrängung gekommen. Dann die Wut. Wut auf das Schicksal, das sie so betrogen und ihr so viel genommen hatte. Schließlich hatte sie akzeptiert, und die Tage wurden erträglicher. Zum Glück hatte sie die Firma, in die sie sich hatte hineinknien können. Die Arbeit hatte sie abgelenkt, und mit ihrem Können und Auftreten hatte sie sich eine Position auf dem glatten Parkett der Geschäftswelt erkämpft. Wenn dieser Kampf auch nicht immer einfach gewesen war.

Erneut schüttelte sie den Kopf. Sie wollte nicht mehr weiter nachdenken. Zu unangenehm, zu schmerzhaft waren die Erinnerungen. Sie beschloss, die restliche Arbeit bis morgen liegen zu lassen. Außerdem wollte sie nicht zu spät kommen. Sie hatte es fest versprochen.

Sie nahm ihren Mantel vom Haken und wickelte sich den Schal um den Hals, während sie ein letztes Mal aus dem Fenster schaute. Die schöne Aussicht über die Stadt, in deren dunkler Silhouette jetzt überall Lichter funkelten, entlockte ihr ein winziges Lächeln. Sie nahm ihre Handtasche aus der untersten Schublade ihres Schreibtisches und langte nach der Aktentasche, die neben dem Tisch stand. Dabei fiel ihr Blick auf das Foto ihrer Eltern.

Ihr Vater sah direkt in die Kamera, während ihre Mutter liebevoll den Vater anschaute. Das Bild zeigte beide auf dem Höhepunkt ihres Lebens, sie strahlten Stärke und Vitalität aus. Dennoch beschlich Valerie bei diesem Anblick ein Gefühl der Verlassenheit. Zu allem Überfluss erblickte sie eine Minute später, auf dem Weg zum Fahrstuhl, genau die Person, die sie jetzt zuallerletzt sehen wollte: Emma Sanders, ihre Geschäftsführerin.

Frau Sanders gehörte zu den Frauen, die man immer und überall bemerkte. Nicht nur wegen ihres ebenmäßigen Gesichts und der unglaublichen Figur, sondern auch wegen ihrer Haltung, die Sicherheit und Selbstvertrauen verriet.

Emma Sanders strahlte Valerie aus ihren großen, blauen Augen an, als sie an ihr vorbeiging, sagte aber keinen Ton. Ihr Blick hatte etwas Sündiges.

Am Fahrstuhl drückte Valerie auf den Knopf, der ihr hoffentlich schnell den Weg zur Entspannung öffnen würde. Doch während sie auf das Bing des Aufzugs wartete, schob sich Emma Sanders schon wieder in ihr Blickfeld.

Groß. Dunkelhaarig. Verwegen. Diese Frau hatte die Geschmeidigkeit eines schwarzen Panthers, der nur seine eigenen Gesetze kannte. Valeries Hoffnung auf Entspannung war somit gerade wie eine Seifenblase geplatzt. In der Nähe eines Raubtiers musste man auf der Hut sein.

»Ich hoffe, Sie müssen nicht zu lange warten.« Blaue Augen sahen Valerie fest an.

Die tiefe Stimme traf Valerie so unerwartet wie der durchdringende, funkelnde Blick. Doch sie erwiderte ihn unbewegt und antwortete ruhig: »Das hoffe ich auch.«

Vor gut zwei Jahren hatte sie sich dafür entschieden, jemanden mit ins Boot zu nehmen. Und so erschien vor eineinhalb Jahren Emma Sanders auf der Bildfläche. Frau Sanders hatte seitdem einen außerordentlich guten Job gemacht. Im Laufe der Jahre hatten sich nämlich einige Faulenzer, Langsamdenker und Zeitverschwender in der Firma eingenistet. Frau Sanders gehörte nicht zu ihnen. Ganz im Gegenteil hatte sie mit ihren neuen Ansätzen große Wellen geschlagen und mit ihren Ideen, wie man Teamstruktur und Aufgabenverteilung ändern könnte, um effektiver zu arbeiten und effizienter zu wirtschaften, genau ins Schwarze getroffen. Sie war bekannt für ihren lässigen Führungsstil, war fleißig, clever und geistreich. Und im Gegensatz zu Valeries eigener Person war sie bei allen Mitarbeitern sehr beliebt. Was Valerie aber nicht davon abhielt, Emmas berufliche Leistungen anzuerkennen. Auch wenn ihr manchmal Frau Sanders’ Humor und ihre direkte Art ziemlich zu schaffen machten.

Doch seit einiger Zeit war da noch etwas anderes. Wenn sie aufeinandertrafen, lag etwas in der Luft, das Valerie nicht einordnen, geschweige denn verstehen konnte. So hatte sie noch nie gefühlt.

Nicht bei einer Frau.

Emma trat einen Schritt auf sie zu. »Ich hätte da einen Vorschlag zu machen, wenn Sie Zeit hätten. Oder kann da jemand nicht auf Sie warten?« Beim Lächeln entblößte Emma ihre makellosen weißen Zähne.

Valerie hielt ihrem Blick weiterhin regungslos stand. In Gedanken jedoch verdrehte sie die Augen und schoss tausende Pfeile gleichzeitig auf sie ab. Was erlaubte sich diese Frau? Für Emmas Spitzfindigkeiten war sie jetzt wirklich nicht in Stimmung. Dennoch konnte sie nicht leugnen, dass plötzlich ein seltsames Knistern zwischen ihnen zu spüren war.

Das ersehnte Bing ertönte, und die Türen des Fahrstuhls glitten zur Seite. Mit einem überlegenen Lächeln beantwortete Valerie Emmas Frage: »Wissen Sie, Frau Sanders, ich habe es tatsächlich eilig. Wenn Sie mich also entschuldigen würden. Ihr Anliegen muss bis morgen warten.« Doch dabei schlug ihr das Herz bis zum Hals.

Emma trat amüsiert zur Seite. »Sie sollten lieber nicht nach unten fahren, wenn Sie mich fragen«, meinte sie milde lächelnd. »Fahrstühle können manchmal einfach so stecken bleiben. Und der Gedanke, Stunden darin festzusitzen, ist nicht gerade berauschend, wenn man eilig nach Hause zu seinem Geliebten möchte. Abgesehen davon ist Laufen doch auch noch immer gesünder.« Ein seltsamer, geradezu gefährlicher Glanz trat in ihre Augen.

Valerie brach den Blickkontakt. Er gab ihr das beunruhigende Gefühl, in eine endlose Tiefe zu fallen. Dieser Schimmer in Emmas blauen Augen war elektrisierend, wie hypnotisierend.

»Wenn Sie nichts dagegen haben, Frau Burghaus, dann . . .«

Aber Valerie ließ Emma nicht aussprechen. »Doch! Ich habe etwas dagegen. Die Sache muss warten, Frau Sanders.« Sie straffte sich und schritt, das heitere Grinsen auf Frau Sanders’ Gesicht gezielt ignorierend, in die Aufzugkabine.

Kurz schoss ihr durch den Kopf, wie gut Emma Sanders heute wieder aussah. Und als sich die Aufzugtüren hinter ihr schlossen, stieß sie einen tiefen Seufzer aus. Sie verstand nicht, wie diese Frau sie auf einmal so durcheinanderbringen konnte. Sie hatte Gänsehaut am ganzen Körper, und das lag nicht etwa daran, dass ihr kalt gewesen wäre. Seit wann fühlte sie sich in Emmas Nähe nur so . . . so . . . Sie fand keine Worte dafür, was sie in Emmas Gegenwart empfand.

Jedenfalls war es schleichend gekommen.

Sie schnaubte. Warum beschäftigte sie sich überhaupt mit Frau Sanders? Sie tat ja gerade so, als sei sie an ihrer Geschäftsführerin auch persönlich interessiert. Was sie nicht war. Sie stand nicht auf Frauen! Da konnte Frau Sanders noch so unglaublich attraktiv, selbstbewusst und, ja, arrogant sein.

Im Erdgeschoss angekommen sammelte sie sich einen Moment, bevor sie durch die Tür zum hausinternen Parkplatz trat. Aber plötzlich tauchte wie aus dem Nichts Emma Sanders neben ihr auf. Vor Schreck blieb Valerie fast das Herz stehen. Emma musste die Treppe genommen haben, und das nicht gerade im Schneckentempo.

Oh, bitte nicht! Valerie beschleunigte ihren Schritt, begann fast zu rennen, so gut es sich eben in fünf Zentimeter hohen Absätzen und bei diesem frierenden Wetter rennen ließ, ohne auszurutschen. Sie hatte fast die kleine Treppe zum Parkplatz erreicht . . .

»Haben Sie es so eilig, zu entfliehen?«, fragte Emma spöttisch einige Meter hinter ihr.

»Sie haben es erfasst, Frau Sanders. Auf Wiedersehen«, rief Valerie über die Schulter und lief weiter. Nur noch wenige Meter bis zu ihrem Wagen. Sie trat auf die kleine, vereiste Treppe, die zum Parkplatz hinunterführte – und geriet sofort ins Rutschen, als sie die zweite Stufe nahm.

Ihre Augen folgten der Aktentasche, und ihre Hände versuchten die Handtasche zu greifen, die hinter Tasche Nummer eins herflog. Entsetzt schrie sie auf und suchte verzweifelt nach einem Halt. Sie ruderte wild mit den Armen, um das Gleichgewicht wiederzufinden. Gleich würde sie hart auf den Stufen aufschlagen . . .

Doch in letzter Sekunde hielt sie ein Paar Arme davon ab, der Treppe mit dem Gesicht hallo zu sagen.

»Wohin so schnell des Weges?«, flüsterte Emma ihr von hinten ins Ohr.

Valeries Herz schlug rasend schnell. Blitzartig überprüfte sie im Geiste ihre Körperteile und stellte erfreut fest, dass sie das Ganze offenbar unbeschadet überstanden hatte. Nur der sinnliche Duft von Emmas Parfüm, der ihr warm in die Nase stieg, machte ihr sofort das Atmen schwer.

Wieso reagierte sie nur so auf diese Frau?

»Sie können mich jetzt loslassen«, presste Valerie zwischen den Zähnen hervor, als Emma nach langen Sekunden keine Anstalten machte, ihren Griff zu lockern. Über ihre Schulter hinweg funkelte sie Emma an. »Und wo ich hinmuss, geht Sie ja wohl nichts an.« Sie war froh, dass ihre Stimme so kühl und selbstbeherrscht klang wie immer.

Emma verzog ihren atemberaubenden Mund zu einem kleinen, unglaublich bezaubernden Lächeln und löste ihre Hände von Valerie. »Sie müssen sich nicht bedanken«, sagte sie nur und bückte sich, um Valeries Sachen vom Boden aufzuheben.

Valerie hatte sich umgedreht und Emma zuerst mit eisigem Blick beobachtet, aber nun beugte sie sich schuldbewusst hinunter, um ihr beim Aufsammeln zu helfen. Zum Glück hatte sie ihren Laptop nicht dabei.

»Verzeihung«, nuschelte sie. »Ich bedanke mich, dass Sie mich vor eventuellen schmerzhaften Brüchen bewahrt haben.«

»Kein Thema«, sagte Emma locker. Sie reichte Valerie ihr Handy und warf alles, was sie so auf dem Boden verteilt gefunden hatte, wieder in die offene Handtasche. »Und selbst wenn, ich hätte Sie schon versorgt.« Sie lächelte. Es war ein verführerisches Lächeln.

Diese Frau hatte etwas an sich, was in Valerie sämtliche Schutzmechanismen mobilisierte. Ungehalten nahm sie Frau Sanders ihren 3-in-1-Make-up-Stick aus der Hand, warf ihn in die Handtasche, die sie ihr ebenfalls aus der Hand riss, und hob ihre Aktentasche vom Boden auf, als sich plötzlich – natürlich – auch deren Inhalt vor ihnen auf den eisig-feuchten Asphalt ergoss.

Valerie stöhnte auf über so viel Pech.

Der Verschluss musste sich geöffnet haben, als die Tasche nach ihrem Sturz auf dem Boden aufgeschlagen war. Nun lagen ihre Unterlagen ebenso verstreut herum wie zuvor die Utensilien aus ihrer Handtasche. Heute war definitiv nicht ihr Tag.

»Frau Sanders, wie kann ich Ihnen helfen?«, fragte Valerie gereizt. »Sie haben bestimmt einen Grund, mich von meinem verdienten Feierabend abzuhalten. Oder irre ich mich da?«

Emma grinste. »Hätten Sie mich im Aufzug mitgenommen, hätte ich Sie nicht so überfallen müssen. Aber Sie haben mich ja nicht ausreden lassen, und so musste ich die Treppe runterspurten.« Ihre Augen nahmen Valerie gefangen.

Valerie wurde es schlagartig heiß unter diesem intensiven, endlos tiefen Blick. In ihrem Innern flogen Abertausende Schmetterlinge gleichzeitig los. Aber sie riss sich zusammen.

»Also?«, fragte sie ungeduldig.

Emma ging erneut in die Hocke, hob die Papiere auf und hielt sie Valerie hin. Die schwieg argwöhnisch. Was mochte Frau Sanders wohl im Schilde führen?

»Ich war gerade auf dem Weg in Ihr Büro«, begann Emma. »Gut, ganz ursprünglich wollte ich meinen Vorschlag per Mail schicken, aber ich dachte so bei mir, dass es bestimmt interessanter sei, wenn ich es Ihnen persönlich mitteile. Ich wusste ja nicht, dass Sie heute früher nach Hause gehen.« Sie grinste breit, als sie endlich mit ihrer Mitteilung herausrückte: »Ich habe ein Gebäude gefunden, das perfekt als neuer Firmensitz dienen könnte.«

»Wie bitte?« Valerie sah sie nur an. Neuer Firmensitz? Sie wüsste nicht, dass sie nach einem solchen gesucht hätte. Zumindest nicht in letzter Zeit.

»Na ja, warum überteuerte Miete zahlen, wenn man genauso gut ein Gebäude sein Eigen nennen kann? Mir ist eines eingefallen, das wir eventuell ins Auge fassen können. Was halten Sie davon? Ihr eigenes Firmengebäude.« Emma sah sie offen an, ihre Stimme klang freundlich. Es schien ein ernst gemeinter Vorschlag zu sein.

»Ich glaube nicht, dass ich mir ein ganzes Gebäude leisten kann«, meinte Valerie kühl.

»Wieso denn nicht? Wir haben so ein gutes Geschäftsjahr hinter uns, da müsste der Gewinn mehr als reichen.« Emma machte eine kurze Pause und betrachtete Valerie mit großen, weichen Augen. »Und es wäre eine sehr gute Investition.«

Valerie schüttelte ungläubig den Kopf. »Also wirklich . . . Wissen Sie, wie hart es war, diese Firma aufzubauen? Ich habe kein Geld, um es aus dem Fenster zu schmeißen. Und schon gar nicht für ein ganzes Gebäude. Wissen Sie nicht, wie immens teuer die Immobilien hier sind?« Über ein eigenes Firmengebäude hatte sie sich schon lange keine Gedanken mehr gemacht. Das hatten in den ganzen letzten Jahren ihre Finanzen nicht zugelassen, und sie hatte diesen Wunschtraum irgendwann begraben. Sie runzelte abschätzig die Stirn.

Emmas Miene verriet jedoch eisige Entschlossenheit. »Doch, ich weiß, wie teuer die Immobilien sind. Deshalb hätte ich da ja einen Vorschlag. Es wäre eine gute Gelegenheit. So günstig werden wir hier nie wieder an ein Gebäude kommen, glauben Sie mir. Ein echtes Schnäppchen. Und die Firma vergrößert sich stetig. Wir bräuchten nicht mehr wie die Hühner auf der Stange in einer einzigen Etage zusammengepfercht zu sitzen. Großraumbüros sind doch das Letzte. In dem neuen Gebäude hätte jede Abteilung ihre eigenen Büros, und niemand würde sich mehr beschweren können, dass kein Platz vorhanden ist. Wie finden Sie das?«

Du liebe Güte! Das war doch unvorstellbar. Oder etwa nicht? Valerie musterte Emma eine Weile und sagte schließlich ungehalten: »Das ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt dafür.«

Emma räusperte sich. »Denken Sie wenigstens darüber nach. Es wäre wirklich eine lohnenswerte Anschaffung.«

»Ich wette, Sie haben das alles schon so gut durchdacht, dass Sie es schriftlich niederlegen könnten«, meinte Valerie. »Also müssen wir das jetzt hier nicht weiter diskutieren.«

Emma Sanders fuhr sich durch ihr dichtes, dunkles Haar. »Na ja, schriftlich nicht. Aber es ist alles bereits hier drin.« Sie klopfte sich mit dem Zeigefinger an die Schläfe.

Warum stehe ich eigentlich noch hier?, dachte Valerie. Sie hätte diese Unterhaltung schon vor Minuten beenden sollen. Ihr Stolz verlangte, dass sie jetzt endlich losging. Schlechte Laune überfiel sie wie ein heftiger Sturzregen, dabei wusste sie nicht einmal, warum.

Mit geröteten Wangen und zornig funkelnden Augen stellte sie sich kerzengerade hin und sagte mit ihrer autoritärsten Stimme: »Ich finde, dass wir bisher sehr gut zurechtkommen, auch mit wenig Platz.«

Emma sah sie ruhig an. »Ja, wir schon. Wir haben ja auch Chefbüros, die wir mit niemanden teilen müssen.«

»Wenn Sie so viele Bedenken haben, Frau Sanders, dass unsere Mitarbeiter nicht genügend Platz haben, dann können Sie ab morgen ja damit beginnen, Ihr Büro zu teilen. Wie finden Sie das? Löst das eventuell Ihr Platzproblem?«

Emmas Endlosgrinsen schien unverrückbar. »Also gut«, meinte sie, »ich sehe schon, so kommen wir nicht weiter. Was halten Sie davon, wenn wir bei einem Feierabenddrink noch einmal darüber reden?« Sie strahlte Valerie an. »In der Havanna-Bar?«

Emmas Körper warf die Angel aus, an der als Köder eine unglaubliche Anziehungskraft hing, die ungefragt und unleugbar auf Valerie wirkte. Emmas blaue Augen zwangen sie nahezu in die Knie. Sie hing am Haken, taumelte hilflos in einen Emma-Sog hinein. Unter Aufbietung all ihrer Willenskraft tat sie einen Schritt von Emma zurück. »Unmöglich! Das geht nicht.« Die Worte rutschten ihr heraus, bevor sie auch nur darüber nachdenken konnte. Doch sie ließ sich ihre eigene Überraschung nicht anmerken. »Außerdem habe ich keine Zeit.«

Emma lächelte. Für einen Moment glaubte Valerie etwas wie Enttäuschung durch das Lächeln hindurchschimmern zu sehen. Doch Emmas Augen blitzten.

Valerie blickte auf die Papiere, die Emma immer noch festhielt, und hielt ungeduldig die Hand auf. »Darf ich?« Sie wollte weg, nur noch weg.

Etwas zögerlich gab Emma ihr die Unterlagen.

Valerie rang sich ein kurzes Lächeln ab und ließ den Packen Papier in ihre Tasche gleiten. Mit einem trockenen »Bis morgen, Frau Sanders« drehte sie sich um und stolzierte zu ihrem Wagen.

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Nadine C. Felix: Liebe, stärkste Macht auf Erden

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