• Haidee Sirtakis: Vertrauen ist ein zerbrechliches Geschenk

Ihr altes Leben hinter sich lassend versucht Chiara in Basel einen Neuanfang. Sie lernt die Kunstmalerin Regina kennen, die sich nach bitteren Erfahrungen in ihrer Villa einigelt. Nach anfänglichen Schwierigkeiten fühlt sich Regina zu Chiara hingezogen, doch das unbeschwerte Zusammensein währt nur kurz – alte Erinnerungen plagen Regina, sie zieht sich zurück. Kann Chiara die nötige Geduld aufbringen, um die Mauer, die Regina um ihr Herz gebaut hat, niederzureißen?

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Leseprobe:

Eckdaten
Format Taschenbuch
Seiten 240
Leseprobe

1

Chiara stand vor dem gigantischen Gartentor und blickte um sich. Aus der Ferne sah sie eine Frau auf sich zukommen, die ein paar Meter hinter dem Tor stehenblieb.

»Wollen Sie zu mir?«

Chiara räusperte sich. »Guten Tag.« Sie lächelte freundlich. »Sind Sie Regina von Siebenthal?«

Die andere Frau hob fragend die Augenbrauen und stemmte die Hände in die Hüften. »Ja. Und wer sind Sie?«

»Entschuldigen Sie. Ich bin Chiara Ackert. Schön, dass ich mich persönlich bei Ihnen bedanken kann.«

Regina von Siebenthals Blick wanderte an Chiara hoch und wieder hinunter. »Aha.«

Chiara blinzelte durch die Gitterstäbe hindurch. »Sie haben mich vor ein paar Wochen ins Krankenhaus gebracht, als es mir schlecht ging.« Sie winkte mit einer Visitenkarte, die von Hand mit den Worten ›Für alle Fälle. Grüße . . . RvS‹ ergänzt worden war. »Erinnern Sie sich? Sie haben mir im Krankenhaus Ihre Karte auf den Nachttisch gelegt.«

Regina von Siebenthal kam ein paar Schritte näher, drückte die Nase zwischen die Stäbe und wagte einen Blick auf das Kärtchen. »Ach, das meinen Sie«, entgegnete sie trocken und winkte ab. »Nicht der Rede wert. Ich konnte Sie ja schlecht blutüberströmt nachts bei Regen im Straßengraben liegen lassen.« Damit war der freundliche Teil der Antwort jedoch beendet, denn sie setzte zischend hinzu: »Bilden Sie sich bloß nichts ein«, während ihr Blick Chiara fast durchbohrte.

Chiara trat einen Schritt zurück. Oh, là, là . . . die gute Frau ist wohl mit dem falschen Bein aufgestanden. »Ich will Sie auch gar nicht lange aufhalten«, erwiderte sie mit ruhiger Stimme, in der Hoffnung, die andere etwas besänftigen zu können, auch wenn sie nicht wusste, womit sie sie aufgeregt hatte. Sie nahm einen Briefumschlag aus der Jackentasche und streckte ihn ihr entgegen. »Für Sie. Ein kleines Dankeschön.«

Regina von Siebenthal wollte schon nach dem Umschlag greifen, da entschied sie sich anders. »Was ist das?«, fragte sie und starrte auf das Kuvert, als könnte es sich um eine Briefbombe handeln.

Chiara räusperte sich. »Ein Gutschein.« Sie beobachtete die angespannte Frau und schaute ihr tief in die Augen . . . wohl ein bisschen zu tief und wohl ein bisschen zu lange. Wow, was für Augen. Aber was hat sie bloß gegen mich? Was habe ich ihr getan?

»Den können Sie behalten.« Sie wandte sich von Chiara ab.

»Wissen Sie was?« Chiara hob den Umschlag leicht an. »Ich werfe ihn einfach in den Briefkasten. Vielleicht überlegen Sie es sich ja noch einmal. Ihre Familie würde sich bestimmt freuen.«

Regina von Siebenthal drehte sich um. »Ich habe keine Familie«, knurrte sie und presste die Lippen zusammen. »Wenn ich das Wort Familie nur schon höre . . .« Ihre Augen verwandelten sich in Schlitze. »Ich will keinen Gutschein.«

Ach du meine Güte, ist das eine Furie. Aber diese tiefbraunen Augen und der Schweizer Akzent . . . »Ich möchte mich doch nur bedanken. Ist das denn so schlimm?« Achselzuckend schob Chiara den Umschlag durch den Briefkastenspalt. Dabei verpasste sie der Klappe versehentlich einen Stoß, was ein lautes Scheppern verursachte.

»Können Sie nicht aufpassen?« Regina von Siebenthal wurde noch wütender, als sie schon war. »Sie sind unmöglich. Ich weiß nicht, wann mir das letzte Mal so ein freches Ding wie Sie unter die Augen getreten ist.«

»Schon gut.« Chiara hob die Hände. »Danke für die netten Worte. Vor allem für das Ding.« Sie schmunzelte etwas. »Ich wünsche Ihnen noch einen wunderschönen Tag.« Sie entfernte sich vom Tor und stieg in ihren Fiat.

Mit voller Wucht riss Regina von Siebenthal das Gartentor auf und rannte seitlich vor Chiaras Auto. »Hauen Sie bloß ab mit Ihrer Dreckschleuder!«, schrie sie.

Ungläubig schüttelte Chiara hinter dem Lenkrad den Kopf. Diese Frau hatte ihr geholfen? Das war kaum vorstellbar. Ruhig . . . ruhig Blut, redete sie sich innerlich gut zu, während sie tief durchatmete.

Regina von Siebenthal schimpfte weiter vor sich hin und verpasste dem Autoreifen einen Fußtritt. »Die alte Schrottkiste vergiftet nur die Luft«, zischte sie.

Genug war genug. Chiara presste die Lippen zusammen. Sie kam mit der besten Absicht her, erwartete nur angemessene Höflichkeit, und dann so etwas. In ihr fing es an zu kochen. Im Zeitlupentempo rollte sie vor und blickte kurz zu Regina von Siebenthal hoch. Dann drückte sie einmal kräftig aufs Gaspedal und fuhr an ihr vorbei. Im Rückspiegel sah sie nur noch, wie die Dame von einer Staubwolke eingenebelt wurde.

Das hast du jetzt davon . . . du Giftspritze.

2

Endlich.« Chiara ließ sich erschöpft auf den Stuhl des Cafés sinken. Sie rannte schon den ganzen Tag von Termin zu Termin. Ihre Arbeit als Immobilienmaklerin machte ihr Spaß, aber ihre Chefin Viviane Stahlberger verlangte von all ihren Mitarbeiterinnen enormen Einsatz.

Es war bereits später Nachmittag, und ihr Nervenkostüm schrie nach Koffein. Ihr Magen knurrte auch schon seit Stunden. Und dabei war ihr Arbeitstag noch lange nicht zu Ende. Drei weitere Besichtigungstermine standen an.

Sie bestellte einen Milchkaffee, ein stilles Wasser und zwei belegte Brote. Als ihr Blick durch den Raum schweifte, blieb er plötzlich an der Plakatwand neben der Treppe hängen. Neugierig stand sie auf und stellte aus der Nähe fest, dass sie richtig gelesen hatte. Da hing ein Flyer Ausstellung – Regina von Siebenthal mit dem Titel ›Grauzonen‹.

»Na so was.« Sie lachte leicht. »Künstlerisches Temperament hat sie ja.« Ihre Mundwinkel zuckten. Diese wunderschönen, rehbraunen Augen. Sie gingen ihr nicht mehr aus dem Sinn, auch wenn ihre Besitzerin sich die größte Mühe gegeben hatte, jeden positiven Eindruck auszulöschen.

Aber da war etwas, das sich nicht so leicht auslöschen ließ, ein Gefühl, das sie nicht benennen konnte. Obwohl sie sich über diese Frau geärgert hatte, hatte dieses Gefühl nichts mit Ärger zu tun. Sie nahm einen Stift und notierte sich Datum und Zeit, auch wenn sie nicht genau wusste, warum.

Lächelnd schüttelte sie den Kopf über sich selbst. Sie konnte sich ja immer noch überlegen, ob sie hingehen würde. Aber sie spürte jetzt schon, dass sie etwas dorthin zog.

3

Punkt acht Uhr traf Chiara an der Villa ein, deren letzter Besuch ein so unrühmliches Ende genommen hatte. Es schienen schon einige Kunstinteressierte da zu sein, denn sie musste weit unten in der Wiese parken. Sie schlenderte den Feldweg hoch, und ihr wurde allmählich klar, wo sie hier war. Es gab weit und breit kein anderes Haus. Nur diese Villa, die eher einem Schloss glich und in einer von Wald umgebenen, grünen Oase stand. Ein Bild wie aus einem Märchenbuch.

Aus dem Garten ertönten sanfte Musikklänge.

»Möchten Sie die Ausstellung besuchen?«, begrüßte eine Frau am Tor Chiara freundlich.

»Ja.« Chiara nickte, und die Frau reichte ihr einen Ausstellungskatalog.

Kurz darauf spazierte sie durch den Park. Es kam ihr wie ein Traum vor. In ihrem Job als Immobilienmaklerin hatte sie es zwar oft mit luxuriösen Anwesen zu tun, aber das hier übertraf alles, was sie je gesehen hatte.

Die Musik wurde lauter, und ein Kribbeln machte sich in ihr bemerkbar. Sie näherte sich einem Pavillon, der für sich allein die Größe eines Einfamilienhauses hatte. Sie betrat ihn und schaute sich um. Einige Gäste unterhielten sich angeregt, während andere interessiert Bilder betrachteten. Sie schnappte sich ein Glas Orangensaft und mischte sich unter die Besucher. Vor einem Bild blieb sie stehen und ließ es auf sich wirken.

Was wollte sie eigentlich hier? Ihre letzte Begegnung mit Regina von Siebenthal hätte sie davon abhalten sollen herzukommen, aber das hatte sie nicht. Es gab etwas, das stärker war als jede offene Ablehnung. Vielleicht wollte sie auch einfach nur mehr über die Frau erfahren, die erst so fürsorglich gewesen war, sie ins Krankenhaus zu bringen, ihr sogar ihre Visitenkarte dagelassen hatte und dann so getan hatte, als wäre das alles ein fataler Irrtum gewesen. War das ein Beispiel für die berühmte künstlerische Zerrissenheit?

Plötzlich erklang eine bekannte Stimme. Chiara bekam Gänsehaut, ihr Herz begann zu rasen, und sie ließ fast ihr Glas zu Boden fallen. Regina von Siebenthals Anblick, wie sie gerade den Pavillon betreten hatte, kam ihr umwerfend vor.

Was ist denn mit dir los? fragte sie sich verwirrt. Wenn sie Alkohol getrunken gehabt hätte, hätte sie sich das Drehen in ihrem Kopf erklären können, aber der Orangensaft konnte kaum schuld daran sein.

Die Künstlerin begrüßte die Gäste und hielt eine kurze Ansprache. Dann erhob sie das Sektglas und wünschte eine schöne Reise durch ›Grauzonen‹.

Beim Zuhören wurde Chiara von einer Hitzewelle sanft durchflutet. Was für eine weiche Stimme sie doch hat, dachte sie. Vielleicht habe ich sie das letzte Mal wirklich nur auf dem falschen Fuß erwischt.

Sie musste sich ablenken. Ihr Blick wanderte durch den Pavillon, und sie träumte vor sich hin, als sie plötzlich unverhofft in die tiefbraunen Augen schaute. Eine gefühlte Ewigkeit starrten sie sich an. Es schien, als wollte Regina von Siebenthal zu ihr hinüberkommen. Doch sie wurde von einem Ehepaar angesprochen und wandte sich von Chiara ab.

Eine Kellnerin kam mit einem vollen Tablett auf Chiara zu und blieb lächelnd vor ihr stehen, da ihr Glas leer war. Chiara stellte es auf das Tablett, griff nach einem Glas Wasser und bedankte sich. Unauffällig warf sie immer wieder einen Blick auf Regina von Siebenthal.

Mit der Zeit wurden die Gäste weniger, und die letzten Ausstellungsbesucher verabschiedeten sich persönlich bei der Künstlerin. Nun waren nur noch sie, die Empfangsdame und Chiara im Pavillon.

Ich sollte gehen, dachte Chiara, bevor sie wieder einen Anfall bekommt. Aber aus irgendeinem Grund konnte sie das nicht. Ihre Augen ließen sich nicht dazu bewegen, sich von der Frau mit dem dynamischen Kurzhaarschnitt zu lösen. Sie bekam feuchte Hände.

Regina von Siebenthal trat auf sie zu. »Gefällt es Ihnen?«, fragte sie mit Blick auf das Bild, vor dem Chiara stand.

Der Duft eines atemberaubenden Parfums schwebte Chiara entgegen. Ein Duft, der sie sanft umhüllte und gefangennahm. Sie konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Für einen Moment schloss sie die Augen, während sie von einer prickelnden Hitze erwärmt wurde.

Sie ging einen Schritt zur Seite und suchte nach ihrer Stimme. »Ja«, antwortete sie schwach. Sie versuchte sich auf das Kunstwerk zu konzentrieren, was ihr schwerfiel. Bei jeder Bewegung schwebte ihr eine neue Welle des verführerischen Dufts entgegen. »Wie . . . wie ist das Bild entstanden?«, stotterte sie und rieb sich die feuchten Hände an der Jeans ab.

»Ich male zu Musik.« Regina von Siebenthals Blick versank in dem Gemälde. »Ich lasse die Musik intensiv auf mich wirken.« Sie nippte an ihrem Sekt. »Es ist fast wie eine Trance, so als würde ich nicht selbst malen, sondern es malt durch mich hindurch.« Ihre Stimme klang so sanft, wie Chiara sie zuvor noch nie gehört hatte. »Ich weiß nicht, ob Sie verstehen, was ich meine.«

Chiara hielt sich an ihrem Glas fest und vergaß beinah zu atmen. »Ich bin keine Künstlerin.« Sie räusperte sich. »Aber so ungefähr kann ich mir das glaube ich schon vorstellen.« Trance . . . na toll. So fühle ich mich auch bald, dachte sie. »Gibt es einen speziellen Grund, wieso Sie in Grautönen malen?« Sie zeigte auf das Bild, auf dem alle Facetten von Grau bis Schwarz zu sehen waren.

Regina von Siebenthals Lächeln wich einer versteinerten Miene.

Chiara runzelte die Stirn. »Habe ich etwas Falsches gesagt?«, fragte sie betroffen.

Die Malerin wandte sich von Chiara ab, ging zu einem Stehtisch und stellte ihr Sektglas hin. Dort verharrte sie einen langen Moment und starrte in eine andere Richtung.

Oh je, was ist jetzt schon wieder? dachte Chiara, während es ihr eiskalt den Rücken hinunterlief.

Regina von Siebenthal kam zurück. »Was gefällt Ihnen an dem Bild nicht?«, fragte sie und warf Chiara einen düsteren Blick zu.

Chiara hob beschwichtigend die Arme. »Stopp, Moment mal.« Sie lächelte verlegen. »Ich habe nie behauptet, dass mir das Bild nicht gefällt. Ich habe nur gefragt, ob es einen speziellen Grund dafür gibt, wieso Sie in Grautönen malen.«

»Aha . . .« Regina fixierte Chiaras Blick. »Dann sagen Sie mir doch bitte, was Sie sehen?« Sie kniff die Augen zusammen und starrte Chiara mit verschränkten Armen an.

»Ich?« Chiara blickte in ihr Glas und leerte es mit einem Schluck. »Ich bin Immobilienmaklerin«, sagte sie mit ernster Stimme und legte eine Hand auf ihre Brust. »Keine Künstlerin. Ehrlich gesagt ist ein Bild für mich nur ein Bild. Es gefällt mir oder es gefällt mir nicht. Viel mehr kann ich dazu nicht sagen.«

Regina starrte sie gereizt an »Sind Sie nicht in der Lage, etwas zu sehen oder zu fühlen?«

Chiara fühlte sich, als wäre sie von ihrem Gegenüber soeben zum Duell im Morgengrauen herausgefordert worden. Sie betrachtete das Bild eingehend und wandte sich ihr dann zu.

»Auf mich wirkt es traurig«, erwiderte sie leise. »Ich denke . . .« Sie hielt kurz inne. »Ich fühle, dass die Künstlerin es voller Hingabe gemalt hat. Vielleicht hat sie es zu melancholischer Cellomusik gemalt, die ihr mitten ins Herz gespielt hat.« Was habe ich da gerade gesagt? Das war nicht ich. Da hat jemand anderes für mich gesprochen.

Regina von Siebenthal starrte Chiara mit offenem Mund an. Dann drehte sie ihr den Rücken zu und schaute in den Garten. »Es ist besser, wenn Sie jetzt gehen«, sagte sie mit zittriger Stimme. Mit dem Ärmel ihrer Bluse wischte sie sich Tränen aus dem Gesicht. »Bitte gehen Sie.«

»Ich wollte Ihnen nicht zu nahetreten.« Chiara strich sich verunsichert durchs Haar. »Es tut mir leid, wenn ich etwas Falsches gesagt habe, aber Sie haben mich gefragt.«

»Gehen Sie!«

Chiara musterte Regina von Siebenthals verzerrtes Gesicht, sah die offensichtliche Qual darin. Was habe ich nur getan? dachte sie. Sie hob eine Hand und wollte etwas sagen, da wurde sie von einer anderen Stimme unterbrochen.

»Sie gehen jetzt wirklich besser«, sagte die Empfangsdame, die ihr bei ihrer Ankunft den Katalog gegeben hatte. »Sie regen sie nur auf.«

»Aber wieso . . .?« Chiara verzog entschuldigend das Gesicht. »Das war nicht meine Absicht.«

»Das glaube ich Ihnen.« Die Frau lächelte. »Sie können nichts dafür. Künstler sind eben sehr empfindsam.«

»Lass sie gehen, Sandra«, fauchte die empfindsame Künstlerin aus der Ecke. »Lass sie doch endlich gehen. Ich will allein sein!« Sie riss das Bild von der Wand, knallte es auf den Boden und rannte aus dem Pavillon hinaus.

Chiara starrte entsetzt auf das Bild, das eben noch an der Wand gehangen hatte.

»Es sind ihre Bilder. Sie kann damit tun, was sie will«, sagte die Frau namens Sandra.

»Natürlich.« Chiara stotterte leicht. »Aber ich wollte doch nicht –« Sie war völlig überfordert.

»Nein, das wollten Sie nicht.« Sandra strich ihr leicht über den Arm. »Ich bringe Sie hinaus.«

Als sie zusammen in Richtung Tor gingen, sah Chiara einen hellen Schatten in der Villa verschwinden.

Die Künstlerin hatte sich zurückgezogen.

4

Chiara fühlte sich miserabel. Der gestrige Abend hätte so schön werden können. Was hatte sie nur falsch gemacht? Sie war sich keiner Schuld bewusst. Regina von Siebenthal hatte ihr doch nur eine Frage gestellt, die sie versucht hatte zu beantworten. Sie musste irgendetwas gesagt oder getan haben, was die Künstlerin zutiefst verletzt hatte. Aber was? Und wieso hatte sie, Chiara, die Ausstellung überhaupt besucht? Was war da zwischen Regina von Siebenthal und ihr?

»Hallo, Frau Chiara Ackert.«

Chiara erschrak und sah, wie jemand mit einem Notizblock vor ihren Augen herumfuchtelte.

»Sind wir hier bei LuxusImmo Basel AG oder auf welchem Planeten befinden wir uns gerade?«, fragte eine gereizte Stimme.

Chiara blickte hoch und direkt in die Augen ihrer Chefin. Oh nein . . . bitte nicht. Einen lauten Seufzer konnte sie sich gerade noch verkneifen.

»Aha . . . wir sind also wieder ansprechbar. Da bin ich ja beruhigt«, stellte Viviane Stahlberger spöttisch fest. »Wie sieht es mit dem Verkauf der Villa am Sonnberg aus?« Sie warf Chiara einen bösen Blick zu.

»Es ist alles vorbereitet. In ein paar Tagen wird der Vertrag unterzeichnet«, antwortete Chiara in ruhigem Ton.

Die Chefin runzelte die Stirn. »Was? In ein paar Tagen erst? Der Vertrag sollte längst unter Dach und Fach sein«, krächzte sie mit spitzem Gesicht. »Meine liebe Frau Ackert. Wie wär’s mit ein bisschen mehr Einsatz für LuxusImmo Basel? Sie wissen schon noch, was Ihre Aufgabengebiete sind? Oder müssen wir uns unter vier Augen einmal darüber unterhalten?« Abschätzig blickte sie auf Chiara hinunter.

Chiara atmete tief durch und drehte den Kugelschreiber in der Hand herum. Mehr Einsatz. Ich arbeite ja schon fast Tag und Nacht, dachte sie und riss sich zusammen. »Frau Stahlberger. Ich gebe mein Bestes. Es bringt nichts, den Kunden unter Druck zu setzen«, meinte sie lächelnd und hielt dem Blick ihrer Chefin stand.

Einen langen Moment fixierten sie sich gegenseitig.

Viviane Stahlbergers Augen verwandelten sich zu Schlitzen. »Tsss . . . Haben Sie hellseherische Fähigkeiten, dass Sie das behaupten können?« Suchend schaute sie sich im Büro um. »Wo steht Ihre Glaskugel?«

»Ich habe keine Glaskugel, sonst . . .« Chiara schluckte und starrte auf ein leeres Blatt Papier.

»Was sonst?« Die Chefin klopfte mit den Fingern demonstrativ auf dem Schreibtisch herum.

»Nichts. Ich gebe Ihnen Bescheid, wenn der Vertrag unterschrieben ist«, sagte Chiara kleinlaut und griff nach einem Kundendossier.

Viviane Stahlberger machte ein strenges Gesicht. »Der Vertrag muss unterschrieben werden. Haben wir uns verstanden?«

Chiara nickte.

Viviane Stahlberger steckte ein paar Stifte in ihre Handtasche und blickte auf die Uhr. »Oh . . . Ich muss ins Rathaus. Ich bin schon wieder spät dran – wegen Ihnen.« Sie warf Chiara einen tadelnden Blick zu, dann betrachtete sie sich selbstverliebt im Spiegel. »Und nach der Sitzung gehen wir alle vom Großen Rat so richtig dick auf Staatskosten speisen.« Ihre Augen musterten noch rasch jede einzelne Mitarbeiterin. »Und ihr arbeitet schön weiter, ganz wie es sich gehört. Ich will Umsatz und Gewinn sehen.«

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