• Diana S. Wirtz: Träume und Traumfrauen

Maddy, ein wenig schüchtern und naiv, lebt mit ihrer besten Freundin Jeannie und der Fotografin Carla in einer WG. Sie arbeitet für ein Glamourmagazin und verliebt sich prompt in die viel ältere Assistentin des Chefredakteurs. Es folgt eine kurze Affäre, doch Vanessa kann Maddys Gefühle nicht erwidern. Aber auch Carla beginnt, Interesse an Vanessa zu zeigen, und Jeannie lernt eine Polizistin kennen . . . So kommen und gehen die Traumfrauen, doch welche genau bleibt für immer?

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Leseprobe:

Eckdaten
Format Taschenbuch
Seiten 240
Leseprobe

»Der Chef wollte mich sehen. Ist er da?«, fragte Maddy nervös.

Vanessa, Empfangsdame, Sekretärin, persönliche Assistentin und Mädchen für alles, was ihrem Chef so in den Sinn kam, blickte von ihrem PC auf. »Eine Sekunde«, sagte sie und lächelte, was ihre dunklen Augen mit einem feinen Kranz aus Fältchen umgab. »Ich höre, ob er Zeit für dich hat.« Sie drückte die Taste der Gegensprechanlage. »Jake, Maddy ist hier.«

»Soll reinkommen«, klang es barsch aus dem Lautsprecher.

Vanessa nickte Maddy zu. »Du hast ihn ja gehört. Geh einfach durch.« Offenbar konnte Jakes cholerische Art sie schon längst nicht mehr schocken.

Maddy hingegen wurde noch etwas nervöser. Zaghaft stieß sie die Tür zum Allerheiligsten auf und stand ihrem wutschnaubenden Chefredakteur gegenüber. Er bot ihr keinen Sitzplatz an, sondern legte gleich los, noch bevor die Tür hinter ihr ins Schloss fiel.

»Das hier ist absolute Scheiße!«, brüllte er und wedelte mit einem Blatt Papier vor ihrer Nase herum. »Wenn du Gesellschaftskritik schreiben willst, such dir einen anderen Job. Unsere Leser kaufen das Red-Carpet-Magazin, weil sie Glamour wollen, Neues aus dem Showbiz und pikanten Klatsch, aber keine kritische Auseinandersetzung mit dem Jugend-, Schönheits- oder Schlankheitswahn gewisser Stars! Sie wollen Interviews mit ihren Stars, sie wollen wissen, was sie tragen, wo sie sich aufhalten, mit wem sie sich abgeben. Keine Sau will wissen, ob du Pandora Pfeiffer für zu dünn hältst oder das Botox-Gesicht einer Michelle LaForge peinlich findest. Die Leser wollen Klatsch und Spekulationen, hart an der Grenze zur Verleumdungsklage! Sie wollen das Gefühl haben, genau zu wissen, was in der Glitz-und-Glam-Welt vor sich geht! Schreib das neu, aber ein bisschen plötzlich! Da gibt man einer blutigen Anfängerin mal eine Chance, und dann kommt da so ein Müll heraus!« Sein Tobsuchtsanfall schien gar kein Ende nehmen zu wollen.

Maddy zog den Kopf noch ein bisschen mehr ein. Auch nach mehreren Monaten beim Red-Carpet-Magazin konnte sie sich noch nicht an das jähzornige Herumgebrülle ihres Chefs gewöhnen. Wäre Jake nicht so ein Gigant in der Branche gewesen, von dem sie unbedingt lernen wollte, hätte sie schon innerhalb der ersten vier Wochen gekündigt.

»Ja, Chef«, sagte sie geknickt. »Tut mir wirklich leid.« Sie trat einen Schritt zurück und hoffte, dass sie nun gehen konnte.

Aber Jake war noch nicht mit ihr fertig. »Und mach mal was mit deinem Aussehen«, knurrte er. »Lass dir endlich mal die Haare ordentlich schneiden, und besorg dir ein anständiges Outfit. Jeans und Pferdeschwanz haben vielleicht für das Provinzblatt gereicht, wo du früher warst, aber wir verkaufen Glamour! Wenn du es hier zu etwas bringen willst, solltest du dich als Allererstes mal entsprechend präsentieren. Du siehst aus, als wärst du zwölf und würdest für die Schülerzeitung arbeiten. Und jetzt mach, dass du rauskommst, du hast noch einen Artikel neu zu schreiben!«

»Ja, Chef«, flüsterte Maddy, den Tränen nahe, und schlich wie ein geprügelter Hund aus dem Büro.

Jake hing unterdessen schon wieder an der Gegensprechanlage: »Vanessa, schick mir mal den Knallkopf aus der Werbung hoch. Ich habe heute Morgen nur Mist auf dem Tisch!«

Im Vorzimmer bedeutete Vanessa Maddy, kurz zu warten, während sie in der Werbeabteilung anrief: »Veronika, Vanessa hier. Mein Boss will deinen sehen. Ja, schick ihn gleich hoch, bevor Jake noch platzt. Ich danke dir.« Sie legte den Hörer auf und sah Maddy an.

»Jake ist heute wieder in Topform«, bemerkte sie trocken. »Aber mach dir nichts draus, in einer Stunde hat er es schon wieder vergessen.«

Maddy nickte und biss sich beschämt auf die Unterlippe, als ihr nun doch eine Träne über die Wange rollte. Vanessa lächelte sie tröstend an und reichte ihr eine Box mit Papiertüchern.

»Ich arbeite seit über zwanzig Jahren für Jake«, sagte sie aufmunternd. »Er kommt dir vielleicht im Moment wie ein Riesenarsch vor, aber im Grunde ist er gar nicht so. Du darfst bei ihm nur nicht klein beigeben und ihm nicht nach dem Mund reden. Vertritt einfach deine Meinung, dann wird er dich am ehesten respektieren – er kann Jasager nicht ausstehen. Er wird zwar trotzdem weiter wie ein angeschossener Stier herumbrüllen, aber so ist er nun mal.« Dann deutete sie auf den zerknitterten Bogen Papier in Maddys Hand: »Dein Artikel? Zeig doch mal her.«

Dankbar reichte Maddy ihn ihr. Vanessa schob sich ihre Lesebrille auf die Nase und überflog den Text.

»Ach, alles halb so schlimm«, sagte sie dann und strich sich eine silbrige Haarsträhne aus der Stirn. »Schau mal, wenn du diesen Absatz hier kürzt und den hier ganz streichst, hast du es schon beinahe. Spar dir den moralisch erhobenen Zeigefinger und streu ein wenig Pseudo-Mitgefühl ein, ein wenig gönnerhaft vielleicht. Ansonsten ist der Artikel gar nicht so schlecht. Schreib den ein bisschen um, dann wird das schon.« Sie zwinkerte Maddy verschmitzt zu.

Maddy konnte schon wieder lächeln. »Danke, Vanessa, du bist wirklich die Beste.«

»Ach, Kind, das weiß ich doch. Warum sonst hätte Mr. Style persönlich eine alte Schraube wie mich im Vorzimmer sitzen«, bemerkte sie selbstironisch und schüttelte ihren graumelierten Pagenkopf. Dann sah sie Maddy prüfend an und fügte hinzu: »Mit deinem Look hat er allerdings nicht ganz unrecht. Kleider machen Leute, schon mal gehört? Wenn du aussiehst wie ein Teenager, wirst du auch wie einer behandelt, und niemand nimmt dich für voll.«

»Was soll ich denn an mir ändern?«, fragte Maddy und sah an sich herab. Sie war noch nie ein Modepüppchen gewesen, Klamotten hatten für sie in erster Linie praktisch und robust zu sein. Aber wenn das für ihren Traumjob ein Hindernis darstellen sollte, war sie offen für Vanessas Vorschläge.

Vanessa musterte sie über ihre Brille hinweg gründlich von Kopf bis Fuß. »Alles«, sagte sie schließlich. »Und bei deinem Namen solltest du anfangen.«

~*~*~

An diesem Abend war Maddy froh, als sie endlich zu Hause in ihrer WG war. Sie teilte sich eine hübsche Wohnung in Flingern-Nord mit ihren Freundinnen Carla und Jeannie. Auf dem Heimweg war sie bei der Hair Academie gewesen und hatte gebeten, sie vorzeigbarer zu machen. Nun war ihr hüftlanges Haar radikal gekürzt und durchgestuft und das langweilige Straßenköterblond durch Highlights aufgepeppt.

Sie stand vor dem Spiegel an ihrer Schranktür und betrachtete sich kritisch. Die neue Frisur sah wirklich nicht schlecht aus. Wenn sie nun noch ein wenig Make-up auflegte und sich von ihren alten Lieblingsjeans und Turnschuhen verabschiedete, mochte sie vielleicht ein wenig erwachsener und seriöser wirken.

Sie warf einen Blick auf das Kinoposter ihrer Lieblingsschauspielerin Samantha Wilderman, das gerahmt über ihrem Bett hing, und seufzte leise. Miss Wilderman hatte diese Probleme sicherlich nicht – sie wirkte auch noch in der abgerissensten Jeans elegant und überaus attraktiv, fand Maddy. Aber vielleicht war sie da auch voreingenommen. Schließlich schwärmte sie seit Jahren für die Schauspielerin. Sie lächelte dem Poster noch einmal zu, bevor sie sich ihrem Make-up zuwandte.

Da Maddy im Umgang mit Schminke nicht sehr geübt war, brauchte sie drei Anläufe, bis sie mit dem Resultat zufrieden war. Seufzend stellte sie fest, dass sie nun morgens eine Stunde früher aufstehen musste, wenn sie rechtzeitig auf der Arbeit erscheinen wollte. Farbe aufspachteln und Haare stylen ließ sich nicht in den zehn Minuten erledigen, die sie normalerweise im Bad brauchte.

Was den Inhalt ihres Kleiderschranks anging, war allerdings Hopfen und Malz verloren. Sie besaß fast ausschließlich praktische und bequeme Sachen und nur flache Schuhe. Angesichts dieser Vorlieben war es bei Licht betrachtet wirklich ein Rätsel, wieso Jake sie überhaupt eingestellt hatte. Carla hatte damals gefragt, ob das Vorstellungsgespräch telefonisch stattgefunden hatte, und die modebewusste Jeannie hatte nicht glauben können, dass ausgerechnet das Landei Maddy es in die Redaktion von Jakob Brunoni geschafft hatte. Aber irgendetwas hatte Jake wohl in Maddy gesehen, trotz ihrer mangelnden Ausbildung und ihres nicht gerade laufsteggerechten Auftretens. Sonst wäre sie nie über Botengänge hinausgekommen.

Sie betrachtete sich noch einmal forschend im Spiegel. Es musste wohl ihr Talent fürs Schreiben gewesen sein, beschloss sie, da er von ihrer Optik offensichtlich nicht viel hielt. Dabei hatte Maddy eigentlich nie als Journalistin arbeiten wollen. Im Grunde war sie nach Düsseldorf gekommen, um zu schreiben und Autorin zu werden.

Eigentlich hatte sie dazu nicht einmal nach Düsseldorf kommen wollen. Aber irgendwie hatte Jeannie sie davon überzeugt, wie absolut genial es wäre, wenn sie beide, Seite an Seite, in die Großstadt ziehen würden. Jeannie hatte etwas von einer Naturgewalt: Wenn sie sich etwas in den Kopf setzte, gab es kaum eine Möglichkeit, es ihr wieder auszureden, also hatte Maddy nachgegeben und war mitgekommen. Außerdem war es gut, Teil eines dynamischen Duos zu sein. Da fiel vieles leichter, angefangen bei ihrem gemeinsamen Coming-out in dem kleinen Provinznest, dem sie entflohen waren, um Düsseldorf mit ihren Talenten zu erobern.

Maddy gab einen komischen kleinen Schnaufer von sich: Von Erobern konnte bislang keine Rede sein. Sie selbst klebte bei diesem Magazin fest, anstatt Bücher zu schreiben, und Jeannie, die eigentlich gern Designerin sein wollte, verkaufte noch immer Klamotten in einem kleinen Laden in der Mittelstraße. Der aber zugegebenermaßen recht hip war und nur einen kurzen Fußmarsch von der Königsallee entfernt lag, wo die großen internationalen Modefirmen ihre Flagship-Stores hatten.

Jeannie und ihre Expertise in Sachen Mode brachten ihre Gedankengänge zurück in praktische Bahnen. Sie würde einkaufen gehen müssen, aber sicherlich nicht ohne Einkaufsberaterin, und dafür bot Jeannie sich geradezu an. Nicht nur, dass sie den unfehlbaren Sinn für Stil besaß, der Maddy so vollkommen abging, sie bekam auch noch Prozente in ihrem Laden.

Hoffentlich kam Jeannie bald nach Hause. Maddy brannte darauf, ihr von ihrem Tag und ihren Einkaufsplänen zu erzählen. Allerdings hoffte sie auch, dass Jeannie allein nach Hause kommen würde. Bei Jeannie wusste man das nie so genau. Selbst in der weltweit größten Heten-Versammlung würde sie es schaffen, die einzige Lesbe weit und breit ausfindig zu machen und ins Bett zu bekommen. In dieser Hinsicht waren ihre Talente wirklich einzigartig, dachte Maddy ein klein wenig neidisch.

Ihr stummer Wunsch wurde erhört, denn im selben Moment hörte sie den Schlüssel im Schloss knirschen.

»Jeannie?«, rief sie aus der relativen Sicherheit ihres Zimmers. »Bist du das?«

»In Lebensgröße und doppelt so sexy«, kam die gutgelaunte Antwort aus dem Flur, und Maddy hörte, wie Jeannie ihre Schuhe in die Ecke kickte.

Das bedeutete, sie war allein heimgekommen. Sehr gut. Maddy öffnete ihre Zimmertür einen Spalt, um in den Flur zu spähen.

»Ich brauche einen neuen Look«, warf sie ihrer Freundin unvermittelt an den Kopf.

»Na endlich. Das predige ich dir schon seit Jahren«, gab Jeannie zurück und ging in die Küche, um sich eine Wasserflasche zu holen. Von dort rief sie: »Wie kommt’s so plötzlich? Hast du endlich Miss Perfect gefunden?«

Maddy lachte. »Leider nein. Jake hatte wieder einen seiner berühmten Ausraster.« Über den Flur hinweg gab sie Jeannie die Kurzfassung von Jakes Tirade und schloss mit den Worten: »Vanessa gibt ihm recht, und ich war auch schon beim Friseur, aber ich hab doch keine Ahnung von Klamotten. Ich brauch dich!«

»Du hast ja keine Ahnung, wie lange ich schon darauf warte, dich das sagen zu hören«, flachste Jeannie, kam aus der Küche zurück und trat in Maddys Zimmer. »Oh du meine Göttin!«, rief sie entsetzt, als sie ihrer Freundin ansichtig wurde. Sie ging kritisch um Maddy herum und schüttelte den Kopf. »Die Haare sind okay, aber das Make-up! Du siehst aus, als wärst du in einen Farbeimer gefallen. Das geht ja mal gar nicht. Wasch die ganze Pampe schnell wieder ab, und dann zeigt dir der Meister, wie so was richtig geht.«

Ergeben verzog sich Maddy ins Bad und wusch sich die Schminke aus dem Gesicht, während Jeannie ihren eigenen Kleiderschrank auf den Kopf stellte und Outfits für Maddy heraussuchte. Schließlich tauchte Maddy mit sanft geröteten Wangen in Jeannies Zimmer auf.

Die nickte ihr zu. »Setz dich hin und lass mich mal machen«, sagte sie, drückte Maddy sanft auf einen Stuhl und fing an, ihr Gesicht mit gekonnten Handgriffen zu bearbeiten. »Lass den ganzen Glitzerscheiß weg«, riet sie dabei, »das ist Overkill und passt nicht zu dir. Für tagsüber reicht ein relativ dezentes Make-up. Du sollst ja nicht aussehen wie ein Clown oder deine Stars in den Schatten stellen.«

»Was für Stars?«, murmelte Maddy und bemühte sich, die Lippen möglichst nicht zu bewegen, um Jeannies Arbeit nicht zu gefährden. »Die lassen mich doch kaum an die B-Promis ran. Meistens muss ich sowieso Kaffee holen oder irgendwelchen Laufkram erledigen.«

»Bald nicht mehr«, prophezeite Jeannie. »Wenn ich mit dir fertig bin, werden sie sich in den Arsch treten, dass sie dich nicht schon längst für sinnvollere Sachen eingesetzt haben.«

»Wie das Interview mit Samantha Wilderman, das ich vor drei Wochen so gern gemacht hätte«, nuschelte Maddy. »Das wäre toll gewesen. Immerhin habe ich sie kurz gesehen, als sie in der Redaktion war.« Sie errötete sanft. Die Erinnerung, wie sich damals ihre Blicke kurz gekreuzt hatten und sie ihrem langjährigen Schwarm für einen Moment in die Augen sehen durfte, war wie ein kostbarer Schatz.

Jeannie grinste. »Immer noch so schwer verschossen in die schöne Miss Wilderman?«, zog sie ihre Mitbewohnerin auf, und Maddy konnte nicht verhindern, dass sie nun knallrot wurde.

Unterdessen hatte Jeannie ihr Werk beendet und hielt ihr, immer noch grinsend, den Spiegel vor. »Und?«, fragte sie gespannt.

Maddy betrachtete sich staunend. »Wow! Ich sehe ja richtig gut aus! Jeannie, du bist ein Genie.«

»Lob mich nur nicht zu früh. Wir müssen uns noch um die Klamottenfrage kümmern.« Jeannie deutete auf ihr Bett, wo sie einige Sachen für Maddy bereitgelegt hatte. Sie überlegte eine Sekunde und zog dann ein paar Teile aus dem Stapel. »Probier das mal an«, bestimmte sie.

Maddy schlüpfte in eine schmale schwarze Stoffhose, ein cremefarbenes Top und einen schwarzen Blazer.

»Etwas mehr Farbe würde hier wirklich nicht schaden, aber definitiv besser als vorher«, meinte Jeannie und betrachtete sie kritisch. »An der Hose muss ich ein bisschen was ändern, die ist dir zu weit, und den Blazer muss ich in der Taille ein wenig einziehen – aber das geht schnell. Unglaublich, dass du immer noch so dünn bist, wo du doch frisst wie ein Scheunendrescher.« Schon während sie sprach, begann sie mit ihren Stecknadeln um Maddy herumzuturnen und hatte rasch die nötigen Änderungen abgesteckt. »Zieh die Sachen vorsichtig aus, damit die Nadeln nicht rausfallen, und gib sie mir«, sagte sie dann und war schon dabei, die Nadel einzufädeln. »Alles, was du noch brauchst, sind ein paar vernünftige Accessoires, um den Look ein wenig aufzupeppen, und wir sind im Geschäft. Und von deiner alten Aktentasche solltest du dich auch endlich mal trennen, die ist schon seit Jahren obsolet. Ich weiß gar nicht, warum du immer diesen Koffer mit dir herumschleppst.«

»Da kriege ich alles rein«, verteidigte sich Maddy.

»Das geht aber auch kleiner – und vor allem stilvoller«, sagte Jeannie, während sie energisch an Maddys Hose herumstichelte.

Maddy seufzte. »Wenn du meinst.«

»Meine ich. Mode ist mein Job, und wenn ich dir eine Empfehlung gebe, hat das einen guten Grund.« Jeannie biss den Faden ab. »Hier, probier das jetzt noch mal an«, sagte sie und reichte Maddy die Hose.

»Deshalb habe ich dich ja auch gefragt«, sagte Maddy, »eben weil du mehr Ahnung hast als ich.« Sie schlüpfte in die geänderte Hose. »Und? Wie sehe ich aus?«

»Ja, das sitzt doch perfekt«, stellte Jeannie zufrieden fest. »In dieser Hose hast du sogar einen Hintern. Und wenn ich mit dem Blazer fertig bin, sieht man endlich auch mal, dass du Titten hast.«

Maddy grinste und hockte sich auf Jeannies Bett. Schließlich biss Jeannie auch den letzten Faden ab und warf Maddy den Blazer zu.

»Zieh noch mal an, damit ich mir das ansehen kann. – Ja, wunderbar«, bemerkte sie befriedigt, als Maddy sich ihr präsentierte. »Wir werden dir morgen auf jeden Fall ein paar Basics besorgen, die du miteinander kombinieren kannst, damit du nicht doch noch wie ein Clown herumläufst. Und wir brauchen Schuhe. Probier mal die hier – echtes Chanel-Imitat.« Sie reichte Maddy ein Paar hochhackige Stiefeletten.

Maddy betrachtete sie zweifelnd. »Ich soll den ganzen Tag auf solchen Absätzen herumstolpern? Willst du mich gleich umbringen oder einfach nur zum Gespött machen?«

»Weder noch«, erwiderte Jeannie gnadenlos. »Du probierst die jetzt an! Dann musst du das Laufen darin eben ein wenig üben. Aber deine alten Trottoirbeleidiger will ich echt nicht mehr sehen, wenn du zur Arbeit gehst.«

Brummend schlüpfte Maddy in die Stiefel und machte probeweise ein paar Schritte. »Oh, die sind ja eine ganze Ecke bequemer, als sie aussehen«, stellte sie überrascht fest.

Jeannie nickte zufrieden. »Gut. Behalt den ganzen Kram erst mal, bis wir dich mit neuen Sachen eingedeckt haben. Und nächste Woche gehst du so zur Redaktionssitzung und rockst die Hütte.«

Maddy lachte auf. »Ja, vermutlich«, meinte sie trocken.

»Und du sagtest, du wolltest was mit deinem Namen machen?«, erkundigte sich Jeannie.

»Ja, Vanessa hat das vorgeschlagen . . . und ich finde, sie hat recht. Maddy Lamont klingt nicht so dolle.«

»Und wie willst du dich stattdessen nennen?«

»Madeleine Lamont. Für irgendetwas muss dieser ätzende Name doch gut sein«, erklärte Maddy. »Französisch ist die Sprache der Haute Couture. Passt doch.«

»Gefällt mir. Das hat wesentlich mehr Stil und Klang«, fand Jeannie und hockte sich neben Maddy auf das Bett. »Klingt nach großer weiter Welt und nicht nach der muffigen Marienschule zu Hause.« Sie verstaute ihr Nähzeug wieder. »Ich bin gespannt, wie deine Kollegen nächste Woche auf dich reagieren. Hey, lass uns doch Montagabend ins Café Hüftgold gehen, um deinen Neuanfang als Madeleine zu feiern. Carla kommt bestimmt auch auf ein Stück des weltbesten Kuchens hin. Außerdem ist sie mal wieder auf der Suche nach einem neuen Modell.«

»Schon wieder?«, fragte Maddy. »Wer von euch war es diesmal?«

Jeannie zog einen Flunsch. »Ich war es«, gab sie zu. »Aber das Mädel war einfach zu göttlich, da konnte ich gar nicht anders, als sie zu vögeln.«

»Jeannie, du kannst doch nicht immer alles flachlegen, was nicht bei drei auf den Bäumen ist«, protestierte Maddy. »Und schon gar nicht Carlas Modelle! Wie soll sie jemals bis zur Ausstellung fertig werden, wenn du ständig ihre Modelle vernaschst und sie dann auf Nimmerwiedersehen verschwinden?«

Jeannie machte ein betretenes Gesicht. »Ich weiß«, sagte sie. »Aber ich kann nicht unbedingt was dafür, wenn die Girls alle auf mich fliegen.«

Maddy verdrehte die Augen und stand auf. »Jedenfalls vielen Dank für die kompetente Beratung. Ich geh mal wieder rüber. Ich muss noch ein bisschen schreiben.«

»Neuer Artikel?«

»Neues Buch. Vielleicht verlegt es diesmal jemand«, erwiderte Maddy achselzuckend und schloss die Tür hinter sich.

~*~*~

Am Montagmorgen warf Maddy Jeannie schon früh aus dem Bett, um sich in ihrem neuen Outfit zu präsentieren. Mit einem lauten »Morgen, du Schlafmütze!« öffnete sie Jeannies Zimmertür.

»Was’n los?«, kam es verschlafen unter der Decke hervor.

»Nichts«, erwiderte Maddy lachend. »Du sollst nur mal schauen, ob man mich so auf die Menschheit loslassen kann.«

Jeannie schielte aus ihrem Deckenberg heraus und warf einen Blick auf Maddy. »Ja, kannst gehen. Alles okay«, gähnte sie, zog sich die Decke wieder über den Kopf und drehte sich um.

Maddy grinste und schloss die Tür mit einem vernehmlichen Knall hinter sich, wohl wissend, dass sie Jeannie damit noch ein bisschen mehr ärgerte. Dann griff sie entschlossen nach ihrer Aktentasche. Madeleine Lamont war bereit, die Redaktion des Red-Carpet-Magazins zu rocken.


Wie jeden Morgen hetzte Maddy durch die Rushhour, quetschte sich in überfüllte Straßenbahnen und hastete über viel zu kurze Grünphasen an den Ampeln. Aber trotz – oder gerade wegen – dieser Hektik liebte sie ihr neues Zuhause. Düsseldorf war so voller Leben, so voller Energie, ganz anders als Hucklenbroich.

Bis zur Redaktionssitzung blieb ihr noch ein wenig Zeit. Sie huschte in die kleine Abstellkammer, die unverschämterweise als ihr Büro bezeichnet wurde, suchte auf ihrem wackeligen Schreibtisch die Papiere zusammen, die sie möglicherweise in der Konferenz brauchen würde, und packte sie in eine Mappe. Rasch sah sie ihre Notizen noch mal durch, um sicher sein zu können, dass sie tatsächlich alles hatte, dann warf sie einen Blick auf die Uhr und fluchte. Nun war sie spät dran. Eilig griff sie nach ihren Unterlagen und hastete zum Konferenzraum.

Als sie die Tür öffnete, hörte sie Jake verstimmt sagen: »Wo ist denn Maddy? Vanessa, hat sie angerufen, dass sie nicht kommt, oder was?«

Sie stieß die Tür ganz auf. Ihr großer Auftritt! Hochaufgerichtet betrat sie den Raum. »Guten Morgen«, sagte sie weitaus gelassener, als sie sich tatsächlich fühlte. »Maddy wird nicht mehr kommen, dafür wird Madeleine Lamont ihren Job übernehmen.« Sie sah Jake fest in die Augen und registrierte mit klopfendem Herzen das amüsierte Funkeln in seinen Augen.

»Schön, dass du den Weg zu uns gefunden hast, Madeleine«, erwiderte er.

Sie konnte etwas in seiner Stimme hören, das sie bisher nur wahrgenommen hatte, wenn er mit Vanessa sprach. Etwas wie ein warmes Lächeln. Innerlich atmete sie auf, als sich an ihren üblichen Platz setzte. Das war ja schon mal ein guter Anfang.

Sie legte ihre Mappe mit den Unterlagen ordentlich vor sich auf den Tisch und hörte sich an, welche Pläne Jake für die nächsten Ausgaben hatte. Dann und wann warf sie, wie die anderen Redakteure auch, einen Vorschlag oder gar Kritik ein. Ihre Kollegen warfen ihr erstaunte, stellenweise sogar beifällige Blicke zu, denn so hatten sie Maddy in all den Monaten noch nicht erlebt. Bisher war sie in den Redaktionssitzungen immer recht still gewesen und hatte bestenfalls ein paar Nachfragen gestellt. Doch nicht nur ihr Aussehen hatte sich verändert, sondern auch ihr Auftreten – quasi über Nacht war sie zu einer neuen Persönlichkeit geworden. Sie wusste selbst nicht, woran das genau lag, und fragte sich nach jedem Kommentar, woher sie überhaupt den Mut dazu nahm. Aber sie fühlte sich definitiv anders als vorher. Energischer, selbstbewusster und kompetenter. Und vor allem fest entschlossen, endlich allen zu zeigen, was wirklich in ihr steckte: eine verdammt gute Journalistin.

Zwischendurch fing sie einmal einen Blick von Vanessa auf, die ihr zuzwinkerte. Dadurch ermutigt, holte sie erneut tief Luft. Warum nicht aufs Ganze gehen, wo es gerade so gut lief? Sie hatte da schon vor langer Zeit eine Idee gehabt, die sie bisher nie zu äußern gewagt hatte. Aber vielleicht war jetzt der richtige Moment.

»Warum gehen wir nicht mal neue Wege?«, fragte sie in die Runde, als eine Pause eintrat. »Ich meine, wir berichten ständig über die bekannten Promis und was die so treiben. Aber warum machen wir nicht mal ein Feature über Nachwuchstalente? Und ich meine jetzt nicht die neuen Gesichter irgendeiner Soap, sondern junge, unbekannte Künstler, Modedesigner, Maler, Fotografen, etwas in der Richtung. Düsseldorf ist doch eine Kunst- und Kulturstadt. Ich denke, gerade hier haben wir eine Menge unerkanntes und unentdecktes Talent, von dem wir alle profitieren könnten. Und ich bin mir sicher, dass wir damit viele der jüngeren Leserinnen erreichen können, die bislang kein Interesse an uns hatten, weil sie uns eher für ein Oma-Magazin hielten.« Sie warf einen herausfordernden Blick in die Runde und fuhr fort: »Ich für meinen Teil kenne eine junge Modedesignerin, die zweifellos talentiert ist, der es aber am nötigen Startkapital und an Einfluss fehlt, um ihr Label zu vermarkten. Warum fangen wir nicht mit ihr an, stellen sie vor und machen vielleicht eine Vorher-Nachher-Story mit jemandem, den sie komplett umstylt?«

»So wie dich?«, fragte Jake interessiert.

»So wie mich«, bestätigte Maddy und lächelte kurz.

Jake erwiderte das Lächeln nicht, aber er versprach: »Ich werde darüber nachdenken. Ich möchte nach der Sitzung sowieso noch mit dir sprechen, wenn du also dann noch einen Moment bleiben würdest . . .«

»Sicher«, stimmte Maddy zu, äußerlich ruhig. Doch ihr Magen schlug plötzlich Purzelbäume. Ob sie sich doch zu weit aus dem Fenster gelehnt hatte? Vielleicht gab es eine ungeschriebene Regel, die besagte, dass Junior-Redaktionsmitglieder keine grundsätzlichen Vorschläge zum Aufbau des Magazins zu machen hatten . . .

Sie faltete die Hände auf ihrer Mappe, um nicht zu zeigen, dass ihre Finger zitterten, und bemühte sich, auch weiterhin konzentriert der Besprechung zu folgen.

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Diana S. Wirtz: Träume und Traumfrauen

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