• Ruth Gogoll: Eine Frau wie Zuckerwatte

Es beginnt mit einem Tagebuch in der Vorweihnachtszeit: Einträge voller Sehnsucht, bis plötzlich die Liebe einschlägt wie ein Blitz. Kurz darauf scheint jedoch schon wieder alles vorbei zu sein. Bis sich am Heiligabend ein unerwartetes Geschenk enthüllt . . .
Dieser kurze Anfang des Romans war unter dem Titel »Das Weihnachtstagebuch« bereits als eBook erhältlich, doch das Happy End war ein wenig verfrüht – denn die beginnende Liebe entpuppt sich als ungeahnt problematisch:
Nachdem das äußerst attraktive Geschenk unterm Weihnachtsbaum ausgepackt ist, beginnt eine leidenschaftliche Fernbeziehung mit heißen Nächten in Hotels, denn Kim ist wegen ihrer Arbeit in der Werbeagentur ständig unterwegs. Ihr Traum ist es, einmal selbst die Agentur zu übernehmen. Das einzige Hindernis dabei: Kims Chefin, denn die gibt ihre Firma nur unter einer Bedingung ab. Einer Bedingung, die das Liebesaus bedeuten würde. Doch alles ändert sich, als Kim während eines Fotoshootings auf Mallorca spurlos verschwindet . . .

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Leseprobe:

Eckdaten
Format Taschenbuch
Seiten 240
Leseprobe

1

»Du musst wirklich gehen?« Ich schaute sie mit einem Blick an, der beherrscht wirken sollte, es aber überhaupt nicht tat. Ich wusste, dass ich wahrscheinlich aussah wie ein Hund, der sein Frauchen um einen Spaziergang anfleht.

»Noch mehr kann ich meinen Urlaub nicht verlängern. Wirklich nicht«, sagte sie. Sie trat lächelnd auf mich zu. »Aber ich komme wieder. Das habe ich doch versprochen.«

Ihr Lächeln machte mich schwach, wie jedes Mal. Ich schluckte.

»Meine Schwester würde sich freuen, wenn du mehr Zeit mit ihr und ihrer Familie verbringst«, fuhr sie fort. »In Anbetracht der Umstände . . .« Sie schmunzelte.

Ich wand mich etwas. »Ich bin nicht so . . . der Familienmensch.«

Sie lachte. »Das wird sie dir schon austreiben!« Sie zog mich an sich. »Wir können telefonieren, skypen, uns jeden Tag sehen«, flüsterte sie in mein Ohr. »Und ohne dass du es merkst, bin ich schon wieder da.«

Ich musste erneut schlucken. »Sehen ist nicht dasselbe wie –« Ich konnte nicht weitersprechen.

Sie strich mit ihren Lippen über meine Wange. »Nein, ist es nicht, aber besser als nichts, oder?«

»Fünfhundert Kilometer«, wisperte ich. »Wie soll das gutgehen?«

»Ich fahre gern«, sie machte eine bedeutungsvolle Pause, »wenn es sich lohnt.«

»Ich fahre nicht so gern«, sagte ich, »aber wir können uns ja abwechseln.«

»Zuerst einmal komme ich in vier Wochen wieder«, versprach sie. »Ein verlängertes Wochenende kann ich bestimmt rausschlagen.« Sie seufzte. »Ich muss . . . Tut mir leid.« Sie nahm ihren Koffer auf. Dann setzte sie ihn mit einem Ruck wieder ab und riss mich in ihre Arme. »Ich vermisse dich jetzt schon«, flüsterte sie atemlos. Ihre Lippen fanden meine zu einem heißen Kuss.

Mir wurde ganz schwindlig, da ließ sie mich los, schnappte nun endgültig ihren Koffer und stürzte zu meiner Wohnungstür hinaus.

Ich setzte mich erst einmal, da mir die Knie wegknickten. Ihre Schwester würde sie zum Zug bringen, vielleicht war das auch besser so. Ich fühlte mich nicht besonders gut.

Es war der sechste Januar. Nach Neujahr hatte sie ihren Urlaub noch einmal verlängert. Ich hatte versucht, nicht darüber nachzudenken, dass auch diese Verlängerung einmal zu Ende gehen musste, und sie hatte es mir leicht gemacht, nicht daran zu denken. Doch man konnte die Tatsachen nicht ewig leugnen.

Am fünften Dezember hatten wir uns kennengelernt – nie würde ich diesen Tag vergessen –, und dieser letzte Monat war wie im Traum an mir vorbeigerauscht. Ein ganzer Monat. Ich konnte es kaum glauben. Es kam mir wie ein einziger Tag vor oder auch wie eine Ewigkeit. Mein Zeitgefühl hatte mich völlig verlassen.

Nun war sie fort, und die Wohnung kam mir leer vor. Seit sie sich mir als Weihnachtsgeschenk unter dem Baum präsentiert hatte, hatten wir uns keine Minute getrennt. Wir hatten zuerst kaum den Weg aus dem Bett gefunden, dann endlich auch einmal wieder einen Spaziergang in dem Winterwunderland gemacht, das uns umgab, im Schnee gespielt wie kleine Kinder, Schneemänner gebaut, Schneeballschlachten gekämpft und mit meinem alten Rodelschlitten den Hügel um die Ecke unsicher gemacht.

Es war der schönste Dezember meines Lebens, das schönste Weihnachtsfest, die schönste Silvesternacht, das schönste neue Jahr. Ich fühlte mich endlich wieder wie achtundzwanzig, nicht wie achtundachtzig.

Sie war einfach nur berauschend. Ihre blauen Augen ließen den klaren Winterhimmel verblassen, so sehr die Sonne auch strahlte und sich im Schnee glitzernd spiegelte wie tausend Diamanten.

Langsam ging ich zum Fenster hinüber und schaute hinaus. Der Wagen ihrer Schwester war fort, sie waren jetzt auf dem Weg zum Bahnhof in der Stadt, hier auf dem Dorf gab es keinen.

Ein Lächeln überzog mein Gesicht, als ich mich daran erinnerte, wie wir uns heute morgen verabschiedet hatten . . . im Bett . . . immer und immer wieder. Mir wurde warm, und ein Kribbeln breitete sich in meinem ganzen Körper aus.

Ich seufzte. Das war nun für einige Zeit vorbei. Vier Wochen. Mehr als eine Ewigkeit.

Unvermittelt musste ich lachen. Vier Wochen. Und wie lange hatte ich vorher nicht . . .? Jedenfalls nicht mit einer Frau. Und sogar mit mir selbst . . . Ich schüttelte den Kopf. Es kam mir vor, als wäre ich neu geboren worden, nachdem ich mich schon auf ein fast altjüngferliches, einsames Dasein eingestellt hatte.

Aber dazu war ich noch viel zu jung. Mein Leben fing doch gerade erst an. Hatte am fünften Dezember neu angefangen.

Ich konnte es immer noch nicht fassen. Sie getroffen zu haben. Sie kennengelernt zu haben. Sie zu lieben und von ihr geliebt zu werden.

Es war nicht nur Sex, das hatte ich in ihren Augen gesehen. Auch wenn wir uns die meiste Zeit mit Sex beschäftigt hatten. Wieder wurde mir heiß. Bloß nicht daran denken, dann würde ich sie noch mehr vermissen.

Außerdem hatten wir uns durchaus auch unterhalten . . . dazwischen. Sie arbeitete in einer Werbeagentur, organisierte Kampagnen, sogar Foto- und Drehtermine bis in die Karibik. So kam sie beruflich viel in der Welt herum, hatte wenig Zeit für Privates. Keine Familie – außer ihrer Schwester – und keine Kinder. Was ich zwischenzeitlich befürchtet hatte, dass sie in irgendeiner Weise gebunden war, hatte sich nicht bestätigt. Sie war frei wie ein Vogel – und genauso reiselustig.

Manchmal kam ich mir schon etwas klein neben ihr vor, mit meinem popligen Bürojob Tag für Tag. Von Karibik keine Spur. Aber ich würde mir ein Poster an die Wand hängen. Vielleicht eines von einer Kampagne, die sie organisiert hatte, mit weißen Stränden und blauem Meer. Und möglicherweise . . . möglicherweise würden wir ja einmal zusammen in die Karibik –

Ich brach meine Gedanken ab. Es war einer meiner größten Fehler, immer zu weit voraus zu planen. Jedenfalls hatte mir das einmal eine Frau gesagt, mit der ich kurze Zeit zusammen gewesen war. Ich persönlich fand ja nicht, dass es ein Fehler war, wissen zu wollen, was auf eine zukam, was mich am nächsten Tag, in der nächsten Woche, im nächsten Monat erwartete. Aber sie hatte sich davon unter Druck gesetzt gefühlt. Ich hatte quasi schon unsere Zukunft geplant, bevor auch nur klar gewesen war, ob wir überhaupt zusammenpassten.

Wie sich herausstellte, taten wir das nicht. Meine Neigung, alles durch die rosarote Brille zu betrachten, wenn ich verliebt war, hatte mir mal wieder einen Streich gespielt.

Diesmal würde ich diesen Fehler nicht machen. Nein, diesmal nicht. Ich würde mich zurückhalten. Nichts planen, sie nichts fragen, alles ihr überlassen.

Es fiel mir schwer, aber ich wusste, dass eine Frau wie sie niemals so leben konnte wie ich. Sie wäre eingegangen mit gestutzten Flügeln, schillernder Vogel, der sie war. Sie brauchte die Freiheit hinzufliegen, wo sie wollte, das hatte ich gespürt.

Ich wusste noch nicht, ob ich damit umgehen konnte. Aber ich würde mir Mühe geben. So viel Mühe wie noch nie in meinem Leben. Denn mit ihr hatte ich etwas gespürt, das ich noch nie gespürt hatte. Etwas, das mir bei jeder Frau bisher gefehlt hatte, eine Übereinstimmung, eine innere Verbundenheit, die mir unbekannt gewesen war.

In ihren Augen lag etwas, das ich nicht ergründen konnte. Eine Sehnsucht, die mir selbst nicht fremd war und doch so ganz anders, ich wusste nicht, wie.

Vielleicht bildete ich mir das alles aber auch nur ein, wie ich es so gern tat. Wie immer. Ich holte tief Luft. Schon jetzt kam ich mir vor, als würde ich sie nie wiedersehen. Und ich sehnte mich so nach ihr, nach der Berührung ihrer Haut, ihrer Lippen, dem Glanz in ihren Augen, wenn sie dalag, nachdem wir uns geliebt hatten, ihren zärtlichen Händen, die mich streichelten, auch wenn sie nur mit sanften Fingern über mein Gesicht fuhr und mich dabei anlächelte.

Eine Frau wie Zuckerwatte – das war sie und das würde sie immer bleiben.

Oh, wenn die vier Wochen doch schon vorbei wären!


»Ich vermisse dich.« Ihre Stimme aus dem Telefon klang, als ob sie durch einen Nebel käme.

Mein Herzschlag hatte sich schon beschleunigt, als das Handy seine Melodie abspielte. Ich wusste, dass sie es war. »Ich auch«, krächzte ich, denn meine Stimme gehorchte mir nicht. »Wo bist du?«

»Ich sitze im Zug.« Sie seufzte. »In die falsche Richtung.«

»In vier Wochen wird es die richtige Richtung sein«, erwiderte ich tapfer. Und dabei hätte ich so gern gesagt Steig aus und komm zurück!

»Ja«, sagte sie. »Darauf freue ich mich schon.« Auf einmal lachte sie. »Warum gibt es nur keinen Flugplatz bei euch in der Nähe? Dann ginge es schneller. Ich bin das Fliegen so gewöhnt, dass es mir ganz komisch vorkommt, in einem Zug zu sitzen.«

»So bist du doch aber auch gekommen, zu deiner Schwester«, sagte ich.

Sie lachte wieder. Oh, wie ich ihr Lachen liebte!

»Das ist vermutlich der Grund, warum es so lange gedauert hat. Sie hat mich jedes Jahr zu Weihnachten eingeladen.«

»Dann hätte ich dich vielleicht schon früher kennengelernt.« Ich schluckte. Viel Einsamkeit hätte mir das erspart.

»Ach«, sagte sie, »wünsch dir das nicht. Ich führe ein ziemlich hektisches Leben. Du wirst noch verfluchen, mich kennengelernt zu haben. Du bist so ein ruhiger Typ.« Sie machte eine kleine Pause. »Das liebe ich so an dir«, fügte sie leise hinzu.

Mir stiegen Tränen in die Augen. »Ich werde dich niemals verfluchen«, flüsterte ich.

»Wart’s ab.« Sie lachte. »Gleich kommt ein Tunnel. Wahrscheinlich bin ich dann weg.«

»Bist du doch schon«, sagte ich und wischte mir die Tränen ab. »Mach dir keine Gedanken.«

»Nicht –«

Und schon hatte der Tunnel ihre Stimme verschlungen.

Ich wartete noch eine Weile, aber sie kam nicht zurück.

Resigniert legte ich das Handy weg. Das war es nun also. Jeder Tunnel konnte uns trennen. Dinge, die nichts mit uns zu tun hatten. Einfach, weil sie da waren und wir nichts daran ändern konnten.

Eine Fernbeziehung hatte ich noch nie gehabt, ich hatte keine Erfahrung damit. Mit Entfernung irgendwie schon, denn die konnte man auch fühlen, wenn eine Frau direkt neben einer im Bett lag. Es gab Frauen, die konnten Distanz aufbauen, während sie mit dir schliefen.

Aber so war sie nicht. Ich begann wieder zu lächeln. Nein, sie war ganz anders, offen und ehrlich. Unsere Distanz wurde durch Kilometer bestimmt, nicht durch fehlende Gefühle.

Schlimm genug. Ich atmete tief durch. Wo sollte ich nur mit meinen Gefühlen hin, die sie so leidenschaftlich geweckt hatte?

Ich konnte immer an sie denken. Mein Lächeln vertiefte sich. Es waren wunderbare Erinnerungen an wunderbare Tage – und Nächte. Die würden mich noch eine Weile warmhalten.

Und hoffentlich nicht zu oft wachhalten, denn auch mein Urlaub war zu Ende.

2

»Was ist denn mit dir passiert?«

»Was? Wieso?« Ich schaute an mir hinunter. Hatte ich mich beim Essen bekleckert? Nein, ich konnte nichts finden. Ich sah aus wie immer, mit einem ganz normalen Hosenanzug, wie jeden Tag im Büro.

»Dir hat der Urlaub ja wohl richtig gut getan.« Meine Kollegin Tina kam zu mir herüber. »Solltest du öfter mal machen.«

»Ich hasse Urlaub«, antwortete ich automatisch, obwohl ich das jetzt eigentlich nicht mehr behaupten konnte.

»Ich weiß«, sagte sie, »aber offenbar war es doch gut, dass der Chef dich dazu gezwungen hat. Jeder muss mal ausspannen, auch du.«

Na ja, ausspannen . . . Ich glaube, ich habe selten so einen aktiven Urlaub erlebt. »Wahrscheinlich hast du recht«, sagte ich friedlich.

»Jedenfalls siehst du sehr erholt aus«, bestätigte Tina mir noch einmal. »Vorher warst du ja schon blass wie eine Leiche.«

»Wirklich?«, fragte ich. War mir gar nicht aufgefallen. Aber jetzt fühlte ich mich entschieden sehr lebendig, das musste ich zugeben. Ich lächelte sie an. »Ich war viel draußen im Schnee.«

»Ja, du bist richtig braungebrannt. Als wärst du in der Karibik gewesen«, meinte sie und setzte sich wieder an ihren Schreibtisch.

Karibik erinnerte mich doch an was. Ich musste unwillkürlich lächeln. Nachdem Kim nach Hause gekommen war, hatte sie sich noch einmal über Video gemeldet, und wir hatten die halbe Nacht gechattet. Oder was man so darunter versteht.

Irgendwie fand ich es fast noch schlimmer, sie zu sehen und nicht berühren zu können, als wenn sie nur angerufen hätte. Ihre Stimme war schon sehr erotisch, aber ihr Anblick . . .

Jedenfalls hatte es uns an Erotik nicht gemangelt, um es mal vorsichtig auszudrücken. Wir konnten uns beide nicht an die Trennung gewöhnen, wo wir vorher die ganze Zeit zusammen gewesen waren.

Wir waren mit unseren Handys ins Bett gegangen, gemeinsam und doch nicht gemeinsam. Dann hatte Kim angefangen, mich mit ihrer Stimme zu streicheln, und ich wäre fast in die Luft gegangen. Sie war aber auch nicht besser. Als ich ihr beschrieb, was ich jetzt mit ihr machen würde, wenn ich sie berühren könnte, gab sie ziemlich eindeutige Laute von sich.

Es wurde eine recht erschöpfende Nacht, und trotzdem fühlte ich mich nach nur wenigen Stunden Schlaf frisch wie der junge Frühling.

»He! Bist du noch da?« Eine Stimme unterbrach meine Tagträume.

Ich blickte recht verwirrt auf, wie es mir vorkam. Nur verschwommen schälte sich die Welt aus meiner Einbildung.

»Der Chef will dich sprechen«, sagte Tina. »Wahrscheinlich will er auch noch mal deine Bräune bewundern.« Sie grinste etwas anzüglich.

Ich seufzte innerlich. Der Alltag hatte mich wieder.


In Wirklichkeit hatte mein Chef natürlich nicht meine Bräune bewundern, sondern mir einen Auftrag erteilen wollen, das war mir schon klar gewesen. Ich sollte die Kundendatenbank bereinigen, weil sie einen Newsletter verschicken wollten. Jeder Kunde sollte jedoch nur einen Brief bekommen und nicht mehrere, weil E-Mail-Adressen falsch oder doppelt erfasst worden waren.

Das war ein größeres Unternehmen, und ich musste mir überlegen, wie ich die Sache angehen wollte. Damit hatte ich den ganzen Tag zu tun.

Gegen Abend klingelte mein Handy. Kim, wie ich auf dem Display sah. Ich nahm sofort ab.

»Ich habe Feierabend«, sagte sie. »Und du?«

»Ich auch.« Ich blickte mich in dem leeren Büro um. »Alle anderen sind schon nach Hause gegangen.«

»Wie praktisch.« Ich konnte ihr Schmunzeln durchs Telefon hören.

»Oh mein Gott, Kim!«, stöhnte ich.

»Keine Lust?«, fragte sie.

»Doch, natürlich.« Ich spürte das Kribbeln überall – und mehr als nur ein Kribbeln. »Aber hier im Büro . . . Bist du zu Hause?«

»Noch nicht ganz«, sagte sie. »Im Auto.«

»Und da willst du – Also hör mal. Schon mal was von Augen auf im Straßenverkehr gehört?«

»Bist du aber streng«, lachte sie. »Aber du hast recht. Ich würde an manchen . . . Punkten dann gern die Augen zumachen.«

»Eben.« Ich atmete mehr oder weniger erleichtert aus. Mehr, weil sie nun im Auto sicher war. Weniger, weil ich im Büro nicht ganz so rücksichtsvoll sein musste, wenn keiner zusah. »Ich würde ja gern«, sagte ich, »aber wollen wir damit nicht warten, bis du zu Hause bist? Dauert das noch lange?«

»Leider ja«, seufzte sie. »Ich bin nämlich gar nicht auf dem Weg nach Hause. Offiziell habe ich zwar Feierabend, aber das bedeutet bei uns nicht viel. Ich fahre in ein Restaurant, in dem es dann angeblich eine ganz zwanglose Zusammenkunft gibt, die aber sicher wieder in ein Arbeitsessen ausartet. Das kenne ich schon. Aus dem Grund konnte ich auch nicht nein sagen.«

»Was bist du?«, fragte ich. »Der Arbeitsesel vom Dienst?«

»Assistentin der Geschäftsleitung«, sagte sie, »was aber nur eine beschönigende Bezeichnung für Sekretärin ist. Zwar die Direktionssekretärin, aber . . .«

Ich nickte. »Und wo dein Chef hingeht, musst du auch hingehen.«

»Meine Chefin«, sagte sie. »Aber ja, so ist es.«

»Sie lässt da nicht mal fünf gerade sein?«

»Nope.« Sie antwortete knapp. »Tut sie nicht.«

Ich lachte. »Da habe ich es mit meinem Chef leichter. Der ist ein netter Kerl.«

»Happy you«, sagte sie. »Also dann wird es wohl nichts mit einem kleinen Quickie zwischendurch.«

Mir schoss die Hitze ins Gesicht. »Wohl nicht«, stammelte ich überrumpelt. »Würdest du das wirklich wollen? Vor einem Arbeitsessen mit deiner Chefin?«

»Wahrscheinlich nicht.« Sie lachte wieder ihr zärtliches Lachen. »Du machst mich einfach verrückt, weißt du?«

»Jetzt bin ich also schuld?« Ich schmunzelte.

»Nur du«, raunte sie. »Immer nur du.«

Ihre Stimme ging mir durch und durch. »Hast du eigentlich eine Freisprechanlage?«, brachte ich mühsam heraus.

»Aber klar.« Sie lachte. »Ich habe alles. Das ist ein Firmenwagen. Mit allen Schikanen.«

»Da bin ich ja beruhigt«, sagte ich.

»Na ja«, bemerkte sie trocken. »Eine Hand hätte ich ja noch zum Lenken gebraucht.«

Ich brach in ein Prusten aus. »Du bist unmöglich!«

»Habe ich dir das nicht gesagt? Dass du mich noch verfluchen wirst?«, gab sie zurück.

»Aber was. Ich finde dich wunderbar.« Meine Stimme wurde weich. »Ganz wunderbar. Ich bin einfach viel zu wenig spontan.«

»Ich fand dich spontan genug.« Ihre Stimme vibrierte, und die Vibration schien sich auf meinen Körper zu übertragen. »Mehr als genug.«

»Lass uns von was anderem reden.« Ich krächzte nur. Sie jetzt nicht sehen und berühren zu können war Folter.

»Mir fällt gerade nichts anderes ein«, hauchte sie. »Ich denke immer nur an das Eine.«

»Du machst mich fertig.« Ich stöhnte und legte den Kopf in die Hände.

»Leider«, sagte sie – nun wieder mit ihrer normalen Stimme, die aber verführerisch genug klang –, »bin ich gleich am Restaurant. Wir müssen unsere kleine Unterhaltung beenden.«

»Ist vielleicht besser so«, stöhnte ich.

»Wir müssen doch im Training bleiben, bis in vier Wochen.« Sie schmunzelte offensichtlich. Man hörte es ihrer Stimme an. »Sonst wissen wir dann gar nicht mehr, was wir tun sollen.«

»Klar.« Ich lachte laut auf. »So was verlernt man ja auch!« Dann hätte ich es längst verlernt haben müssen, bevor ich sie traf.

»Ist wie Fahrradfahren«, sagte sie, »aber trotzdem muss man in Übung bleiben.«

Ich hätte sie gern gefragt, wie sie bisher in Übung geblieben war. Darüber hatten wir nämlich nicht gesprochen. Aber ich fragte es natürlich nicht. »Dagegen habe ich nichts«, erwiderte ich. »Zur richtigen Zeit am richtigen Ort . . .«

»Kann es sein, dass du ein bisschen spießig bist?«

Ich hörte, wie das Geräusch im Hintergrund sich veränderte. Sie fuhr nicht mehr.

»Ich bin da«, bestätigte sie meine Vermutung dann auch sofort. »Ich stehe auf dem Parkplatz.«

»Ist es ein spießiges Restaurant?«, fragte ich schmunzelnd.

Sie lachte. »Tut mir leid, dass ich das gesagt habe.«

»Du hast ja recht.« Ich atmete ergeben durch. »Ist das schlimm?«

»Nein.« Da war es wieder, das Hauchen. »Es ist süß. Du bist süß.«

»Gleichfalls«, gab ich schwach zurück. Ich hielt das wirklich kaum noch aus. Ich kam mir vor, als hätte ich bei einem Marathonlauf mehr als die normale Strecke hinter mich gebracht.

»Übrigens«, sagte sie. »Es ist extrem spießig. Französisch. Gigantische Preise, nichts auf dem Teller. Sehr beliebt für Geschäftsessen, bei denen man Eindruck schinden will.«

Nun musste ich wieder lachen. »Dann hoffe ich, dass du nicht hungrig bist!«

»Doch«, sagte sie, »aber da meine Chefin zahlt, interessieren mich die Preise nicht.«

»Sie scheint ja doch eine gute Seite zu haben«, lachte ich. »Die Spesen beschränkt sie zumindest nicht.«

»Sie wird sich hüten«, entgegnete Kim. Ich hörte eine Autotür zuschlagen. »Ich bin ihr bestes Pferd im Stall. Sagt sie jedenfalls immer. Sie möchte garantiert nicht, dass ich vor Hunger zitternd zusammenbreche. Macht auch einen ganz schlechten Eindruck auf die Geschäftspartner.« Sie machte ein Kussgeräusch. »Ich muss rein. Tut mir leid. Denk ans Fahrradfahren!« Noch ein Kuss, und sie legte auf.

Obwohl nichts passiert war, schwebte ich auf Wolke sieben. Sie war eine Frau, wie ich sie mir nicht in meinen kühnsten Träumen hätte ausmalen können. Sie war selbstbewusst und konnte doch so zärtlich sein, so hingebungsvoll, so ganz weich wie ein Kind, das voller Vertrauen zu dir aufschaut. Sie war alles in einem. Sie gab mir das Gefühl, mehr zu sein, als ich vermutlich war. Weil sie mich liebte, war ich ein anderer Mensch.

Weil sie mich liebte . . . Vor ein paar Wochen wäre mir das unmöglich erschienen. Aber sie hatte es mir gesagt, mehr als einmal, ebenso wie ich ihr. In den Momenten höchsten Glücks hatte sie es gehaucht, geseufzt, gestöhnt, geschrien manchmal. Mit dem Schreien hatte ich es nicht so, aber sie hatte mich fast dazu gebracht. Gesagt hatte ich es ihr in jeder Minute, in der ich es konnte.

Es war so einfach, wenn man es nicht kompliziert machte. Ich hatte das immer schon gefunden, aber viele Frauen, die ich kennenlernte, konnten es nicht, wollten es nicht.

Sie war anders. Wie in so vielem. Sie war so bodenständig, so vernünftig und gleichzeitig so verspielt, dass der Rodelhügel ihr Begeisterungsschreie entlockte.

Womit hatte ich so viel Glück verdient? Ich lehnte mich in meinem Stuhl zurück und stützte meinen Kopf nach hinten in die Hände. Damit hatte ich nicht mehr gerechnet. Nach all den Erfahrungen, die ich gemacht hatte. Schlechte Erfahrungen. Immer wieder.

Frauen, die sich nicht binden wollten oder schon gebunden waren. Frauen, die nur Sex wollten. Frauen, die ihre Gefühle nicht zeigen konnten. Frauen, die nur eine Schulter suchten, um sich auszuweinen, aber nicht für eine da waren, wenn man sie mal brauchte. Frauen, die eine einfach nur ausnutzen wollten, emotional oder finanziell, sich Geld liehen und es nie zurückgaben, sich ein Herz liehen und es brachen.

Wie konnte es sein, dass sie da draußen gewesen war, während ich mich mit all dem abmühte und endlich beschloss, dass ich mich nicht mehr darum kümmern würde. Dass ich allein bleiben würde.

Und lange Zeit war ich es ja auch gewesen. Bis sie kam und mich wie der Prinz aus dem Dornröschenschlaf erlöste. Wie die Prinzessin natürlich. Ach nein, wie die Königin. Meine Königin.

Mir wurde wieder warm, aber diesmal nicht aus erotischen Gründen. Es war Zärtlichkeit, die mich durchfloss.

All die Zärtlichkeit, die ich ihr geben wollte.

Bis ans Ende meiner Tage.

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Ruth Gogoll: Eine Frau wie Zuckerwatte

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