• Lo Jakob: Ganz großes Kino

Hollywoodstar Vanessa Harris hat eigentlich alles: Erfolg, Geld, Schönheit. Trotzdem ist sie unzufrieden. Irgendetwas fehlt in ihrem Leben. Genau deshalb lässt sie sich auf den Low-Budget-Film einer jungen Filmemacherin ein. Aber Kira Rosenborn ist damit fast ein bisschen überfordert. Wie geht man mit einem Hollywoodstar um? Und noch dazu mit einem, der schamlos mit einem flirtet und keinerlei Widerstand erwartet? Unglücklicherweise sollen das nicht die einzigen Probleme bleiben, mit denen Kira zu kämpfen hat . . .

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Leseprobe:

Eckdaten
Format Taschenbuch
Seiten 240
Leseprobe

Prolog

»Kannst du mir mal sagen, was das soll?« Nathalie Colders Stimme dröhnte unangenehm schrill aus dem Hörer. »Willst du deine Karriere ruinieren?«

Vanessa Harris war inzwischen relativ abgebrüht, was die Ausfälle ihrer Agentin anging. Sie kannte Nathalie nicht anders. Wobei sie jetzt gerade besonders aufgeregt zu sein schien. Und, wie Vanessa zugeben musste, nicht ganz zu Unrecht.

Sie warf einen abfälligen Blick auf die Drehbücher, die auf dem Kaffeetisch lagen. Das war alles gewesen, was Nathalie in letzter Zeit für sie aufgetan hatte. Ein Skript übler als das andere. Nacktszenen in rauen Mengen und ein Klischee nach dem anderen. Man hätte meinen sollen, die Drehbuchautoren seien in der Lage, bessere Frauenrollen zu konzipieren, doch weit gefehlt. Vielleicht gab es die entsprechenden Drehbücher ja sogar. Aber Nathalie suchte diejenigen Projekte für sie aus, die Geld ohne Ende brachten – angelegt als große Blockbuster, aber schauspielerisch komplett inhaltsfrei.

Seufzend ließ Vanessa den Blick zu der großzügigen Glasfront schweifen, durch die man den Pool sah und dahinter das Panorama einer der aufregendsten Städte weltweit: Los Angeles. Doch sie hatte die Schnauze gestrichen voll von alledem. Hollywood hing ihr zum Hals raus. Nathalies ganze Regeln hingen ihr zum Hals raus.

Deshalb hatte sie das getan, was ihre Agentin jetzt an die Decke gehen ließ. Sie hatte für einen Low-Budget-Film zugesagt, ohne vorher mit Nathalie darüber zu reden. Was natürlich vor allem deswegen schlimm war, weil Vanessa auf ihre Gage verzichtet hatte. Das hieß auch kein Geld für Nathalie. Und Geld war das Einzige, was für ihre Agentin wirklich zählte. Gute Filme, die Filmpreise erhielten, spielten nur dahingehend eine Rolle, dass sie noch mehr Money einbrachten. Auch sie selbst war für Nathalie ein einziges großes Dollarzeichen, so kam es ihr zumindest manchmal vor. Und in letzter Zeit besonders häufig. Wobei sie bisher eigentlich gut mit der Zusammenarbeit gefahren war. Ihr Erfolg hier im Herzen der Filmindustrie sagte alles. War sie undankbar, weil ihr das plötzlich nicht mehr genug war?

»Ich habe das jetzt gerade mal durchkalkuliert«, schallte es aus dem Hörer. »Du wirst für mindestens sechs Wochen in Deutschland sein müssen. Das heißt, du kannst keinen der anderen Filme drehen, die ich rausgesucht habe. Und das alles, ohne einen Cent dafür zu kriegen? Das ist kompletter Wahnsinn. Das kannst du nicht machen. No way.«

»Way«, sagte Vanessa entschieden. »Ich werde das machen. Ich habe schon zugesagt und auch einen Vertrag unterschrieben.«

»Da hol ich dich wieder raus«, kam die Antwort wie aus der Pistole geschossen. Und Vanessa zweifelte nicht daran, dass Nathalie sie innerhalb kürzester Zeit aus dem Arrangement herausgeschweißt hätte, wenn sie zustimmte. Nathalie passte auf Vanessa auf wie ein Luchs, schließlich war sie ihr bestes Pferd im Stall. Sie hätte alles für Vanessa getan. Besser gesagt, für Vanessas Karriere.

Doch zum ersten Mal widersetzte sie sich ihrer langjährigen Agentin: »Das wirst du nicht tun.«

Erneut fragte sie sich flüchtig, ob sie undankbar war. Tatsächlich hatte sie Nathalie viel zu verdanken. Deren unschätzbare Kontakte hatten ihren großen Durchbruch als Schauspielerin überhaupt erst ermöglicht. Sie hatten sich hier in L. A. kennengelernt, beide Deutsche, Nathalie mit einem Amerikaner verheiratet. Sie war aber auch oft in Frankreich, und einer ihrer Exmänner war Franzose und ebenfalls im Filmbusiness. Als Agentin war sie deshalb ideal für Vanessa. Denn ab und zu verschaffte sie ihr einen Auftritt in einem französischen Film, und dadurch konnte Vanessa regelmäßig einige Zeit in ihrer Wahlheimat Paris verbringen.

Aber jetzt gerade ging Nathalie ihr gewaltig auf den Wecker. Vanessa wandte sich von der eigentlich bombastischen Aussicht ab und ging quer durch den großen Raum in die Küche. Die war genauso übermäßig groß wie der Rest dieses Hauses, das sie nur hatte, weil Nathalie darauf bestand. Sie sehnte sich nach ihrer Wohnung in Paris. Dort lebte sie wirklich. Das war ihr Reich. Das Haus in L. A. sollte repräsentieren. Darauf legte Nathalie Wert. Sie behauptete, Vanessa könne als Hollywoodstar nicht in einem kleinen Apartment in West Hollywood wohnen. Das Ganze hatte ein Vermögen gekostet, und die Unterhaltung fraß ebenfalls eine Unmenge Geld auf. Das Vanessa zwar erwirtschaftete dank Nathalies guten Beziehungen und Auswahl an Projekten, aber sie hätte gut darauf verzichten können, in diesem kalten Alptraum zu wohnen, den sich ein überbezahlter Innenarchitekt ausgedacht hatte – zumal sie lediglich für ein paar Wochen im Jahr hier in L. A. war.

Nathalie überzog sie unterdessen weiterhin mit einem Monolog bezüglich ihrer Karriere und der Tatsache, dass sie am besten wisse, was gut für Vanessa war. Die ließ das Ganze an sich vorbeirauschen. Sie kannte das alles schon viel zu gut. Stattdessen fiel ihr Blick jetzt auf die neueste Ausgabe von Vanity Fair, die ihr heute Morgen mit den Einkäufen geliefert worden war und nun auf der Küchenablage prangte.

Sie sollte eigentlich stolz sein. Ihr Foto auf dem Cover war ein weiterer Erfolg, den sie in ihrer Laufbahn als Schauspielerin verbuchen konnte. Den Nathalie verbuchen konnte. Sie hatte es geschafft, sagte dieses Titelbild. Aber Vanessa schaute komplett emotionslos auf ihr mit Photoshop optimiertes Gesicht, das ihr verführerisch entgegenlächelte, betrachtete es kühl wie mit den Augen einer Fremden. Ihre Haare sahen wie immer toll aus – dazu brauchte es kein Photoshop, ihre Haare waren eines ihrer besten Erscheinungsmerkmale. Lange, dunkle Wellen schmiegten sich um ihr Gesicht und fielen wie ein Wasserfall auf ihre nackten Schultern. Ihre gleichmäßigen Gesichtszüge mit den vollen Lippen sahen perfekt aus. Insgesamt blickte ihr, nach allen gängigen Kriterien, eine wunderschöne Frau entgegen. Aber war das wirklich sie? Diese Vanessa Harris, der die halbe Welt hinterherschmachtete – wer war das? Ihr Gesicht und ihr Körper eigneten sich offenbar aufs beste für die Projektionen und Wünsche der Kinogänger, aber was war hinter dieser Fassade? Vanessa fragte sich in letzter Zeit immer häufiger, ob da überhaupt irgendwas war. Oder nicht vielmehr eine große Leere, die sie nur mit ihren Rollen füllte.

»Hörst du mir überhaupt zu, Vanessa?«, riss Nathalies scharfe Stimme sie aus ihren Selbstzweifeln.

»Wie könnte ich nicht? Du bist laut genug.« Vanessa nahm sich ein Glas und holte den grünen Gesundheitsdrink aus dem Kühlschrank. Irgendein Zeug aus Gras, das so gut wie keine Kalorien hatte und auch genauso schmeckte. Sie durfte ja schließlich kein Gramm zunehmen, Gott bewahre.

Unterdessen kam Nathalie auf den Punkt, auf den Vanessa schon die ganze Zeit gewartet hatte: »Ich habe nebenher auch mal das Drehbuch überflogen. Das kannst du wirklich auf keinen Fall machen.«

»Was meinst du?«, fragte Vanessa mit naiver Stimme. Sie nahm einen Schluck von ihrem grasgrünen Drink und verzog angewidert das Gesicht.

Wie erwartet kam es zurück: »Du kannst nicht in einem lesbischen Vampirfilm mitspielen.«

»Das ist kein lesbischer Vampirfilm. Vampirfilm schon, aber nicht lesbisch«, machte Vanessa den Versuch einer Verteidigung.

Ein abfälliges Schnauben klang aus dem Hörer. »Ach? Und wie nennst du es, wenn am Schluss die von dir gespielte Figur mit der zweiten Hauptrolle im Bett landet? Die zufälligerweise eine Frau ist? Das nenne ich verdammt lesbisch.«

Vanessa gab noch nicht auf. »In Vampirfilmen kommen immer homoerotische Szenen vor, Nathalie«, erklärte sie.

Aber natürlich half das nichts. Argumenten gegenüber war Nathalie noch nie aufgeschlossen gewesen. »Das ist doch Haarspalterei. Komm mir jetzt bloß nicht so. Du weißt genau, dass das Publikum das genauso wahrnehmen wird: als Lesbensache. Deine gelegentliche kleine Affäre gönne ich dir ja. Aber du darfst auf keinen Fall als Lesbe eingestuft werden. Das ist der Tod in Hollywood. Darüber haben wir schon hundertmal gesprochen.«

Vanessa seufzte. Ja, das war immer wieder ein Streitpunkt zwischen ihr und Nathalie. Wahrscheinlich hatte diese mit ihrer Paranoia sogar recht und leistete auch damit einen erheblichen Beitrag zu Vanessas Popularität. Aber es machte ihr Leben nicht gerade einfacher. Nathalie sorgte dafür, dass ihr immer wieder Affären mit passenden Männern nachgesagt wurden. Das ließ sich alles ganz wunderbar arrangieren, und beide Seiten profitierten von der Publicity. Sie musste sich dafür nur zu ausgesuchten Gelegenheiten von den Paparazzi ›erwischen‹ lassen, wie sie Hand in Hand mit dem jeweiligen Beau ein Restaurant verließ, sich ›verliebt‹ am Strand tummelte oder auf irgendeiner Society-Veranstaltung auf dem roten Teppich auftauchte. Kein großes Ding.

Und eine Affäre mit einer Frau zwischendurch rundete das Ganze ab, befand Nathalie, verlieh Vanessas Image das entscheidende Extra. Ihre vermeintlich latente Bisexualität regte nur die Phantasie ihrer Fans weiter an, stärkte das Bild des supersexy Vamps, dem Männer und Frauen zu Füßen lagen. Nur deshalb war es ihr überhaupt vergönnt, ab und an mit einer Frau in der Öffentlichkeit aufzutauchen, was natürlich von Klatschblättern und Society-Blogs begierig aufgesaugt wurde. Natürlich durfte dabei nie herauskommen, dass die Affären mit den Männern alle falsch waren und nur die Frauen echt. Na ja, bis auf die Sache mit Amelie Brügge, erinnerte sich Vanessa mit einem Hauch Wehmut. Das war auch nicht echt gewesen. Die deutsche Fernsehmoderatorin war ihr in der Presse als ihre letzte Geliebte angedichtet worden, und Nathalie war nur zu bereitwillig darauf angesprungen. Eine Affäre, die keine echte war – bestens. Nichts, das aus dem Ruder laufen konnte und mit ständigem Generve oder gar der Klage einer geprellten Ex endete, die mehr erwartete als ein paar wilde Tage und Nächte. Das war ihrer Agentin eine echte Freude, für Vanessa selbst hingegen ziemlich frustrierend gewesen. Jetzt musste sie erst wieder mit vier oder fünf Typen assoziiert werden, bevor sie sich einen kleinen lesbischen Ausflug gestatten konnte. Außerdem war Amelie wirklich eine Frau gewesen, an der sie interessiert gewesen wäre. Aber die hatte ja nur Augen für ihre Regisseurin gehabt . . . Nathalie hatte ihr später irgendwann erzählt, dass die beiden inzwischen verheiratet waren, und darüber nur den Kopf geschüttelt. Wie man nur so seine Karriere aufs Spiel setzen könne, hatte sie gehöhnt. Bei der Erinnerung daran machte sich Wut in Vanessa breit. Sie wusste gar nicht genau warum, aber das war auch egal. Oh, wie sie das alles anödete.

Bisher hatte sie sich stets zusammengerissen. Um Nathalies willen, um ihres Images willen, um ihrer Fans willen. Aber jetzt ließ sie ihren Ärger zum ersten Mal heraus. Mit fester Stimme sagte sie: »Ja, wir haben darüber schon oft gesprochen, und ich werde trotzdem diesen Film machen. Dieses eine Mal wirst du dich nicht durchsetzen, Nathalie. Ich werde nach Deutschland gehen, und zwar so lange, wie es braucht. Du kannst also alles andere erst mal auf Eis legen. Und das ist mein letztes Wort zu dieser Angelegenheit.«

Sie hörte noch, wie Nathalie zu einer Erwiderung ansetzte, legte aber mittendrin einfach auf. Das hatte sie noch nie gemacht. Sie erschrak über sich selbst. Im nächsten Moment ärgerte sie sich auch darüber. Was war sie nur für eine Memme.

Aber damit war jetzt Schluss!

Sie kippte das Graszeug in den Ausguss und beschloss, dass es Zeit war für einen richtig fetten Burger. Mit Pommes. Scheiß auf die Kalorien. Diät halten konnte sie später wieder. Wenn sie schon keinen Sex haben konnte, wollte sie zumindest endlich mal wieder was Gescheites essen.


Kira Rosenborn las die E-Mail nun schon zum zehnten Mal und konnte es immer noch nicht glauben.

Vanessa Harris hatte zugesagt. Sie verzichtete sogar auf ihre Gage. Ein Vertrag war auch schon dabei – unterschrieben von Harris selbst. Es war einfach unfassbar. Kira stand regelrecht unter Schock.

Vor ein paar Wochen hatte sie die private Mailadresse der Hollywoodschauspielerin über tausend Ecken aufgetan – die Freundin einer Freundin kannte eine Redakteurin in Köln, die mit Vanessa Harris’ Ex-Affäre Amelie Brügge befreundet war. Ihr zu schreiben und ihr Filmprojekt zu unterbreiten, war eine irre nächtliche Idee bei Vollmond gewesen. Sie hatte nicht wirklich mit einer Antwort gerechnet. Und wenn, dann nur mit einer arroganten und knappen Absage. Dass jetzt stattdessen diese Zusage kam, warf sie dermaßen aus der Bahn, dass ihre Hände zitterten und die Buchstaben auf ihrem Bildschirm zu tanzen schienen.

Eddy neben ihr spürte ihre Unruhe, hörte auf zu schnarchen und hob den Kopf. Sie gab ein kleines, fragendes »Wuff?« von sich und sah sie mit ihren braunen Kulleraugen aufmerksam an. Die Mopsdame lag stets auf einem zweiten Stuhl mit Kissen neben Kira, wenn sie am Schreibtisch saß. Oft streichelte Kira sie, während sie arbeitete. Das war für sie beide gemütlich. Auch jetzt kraulte sie Eddys Kopf mit den vielen Falten und dem kurzen weichen Fell, und allmählich wurde das Zittern weniger. Eddy – eigentlich Edwina, so hatte die Züchterin sie genannt – grunzte kurz genüsslich und beschloss weiterzuschlafen.

Vanessa Harris. Ein Hollywoodstar in ihrem Film. Kira schüttelte ein weiteres Mal ungläubig den Kopf. Die Zusage war natürlich phantastisch. Das könnte ihr großer Durchbruch werden, als Drehbuchautorin und als Filmemacherin. Aber wie sollte sie nur einen solchen Star in das Filmteam integrieren? Harris war es doch gar nicht gewohnt, Low-Budget-Filme zu drehen. Wenn es an Geld hinten und vorn mangelte, gab es keine Fünf-Sterne-Unterbringung für die Schauspieler, kein Gourmet-Catering während des Drehs. Und ein großer Teil des mageren Budgets würde vermutlich für Frau Harris’ Maske draufgehen. Denn sicherlich würde sie darauf bestehen, eine hochprofessionelle Maskenbildnerin von Rang und Namen am Set zu haben.

Egal! Sie würde das hinkriegen. Schließlich war sie bei diesem Projekt auch Koproduzentin. So hatte sie mehr Einfluss auf die Zuteilung der Mittel, was in diesem Fall sehr praktisch war.

Sie wechselte vom E-Mail-Fenster zur Suchmaschine und gab Vanessa Harris’ Namen ein. Das erste Suchergebnis war das aktuelle Cover der Vanity Fair. Wow.

Mit prüfendem Blick starrte Kira auf das wunderschöne, ebenmäßige Gesicht. Vanessa Harris war ein Sechser im Lotto für den Film, so viel war sicher. Die Schauspielerin galt momentan als der deutsche Export nach Hollywood schlechthin. Sie kombinierte echtes Schauspieltalent mit einem umwerfend sexy Aussehen. Ihre bisherige Filmografie ließ Kira allerdings zu dem Schluss kommen, dass sie ihr Talent bislang eher verschwendet hatte. Aber immerhin tauchten dort auch ein paar französische Produktionen auf. Offenbar jettete die Harris zwischen Paris und Hollywood hin und her.

Von ihren zahlreichen Affären mit den Schönen Hollywoods – vor allem mit Männern, aber erstaunlicherweise auch immer mal wieder einer Frau – hatte Kira natürlich auch schon gehört. Die gute Frau schien einen erstaunlichen Appetit an den Tag zu legen. Kira erinnerte sich noch gut, wie vor knapp einem Jahr die Lesbenwelt in Deutschland Kopf gestanden hatte, als die Sache mit Amelie Brügge rauskam. Da hatte die deutsche Filmszene noch gar nicht richtig realisiert, dass eine Bayerin auf internationalem Parkett in Hollywood den Durchbruch geschafft hatte. Erst mit ihrem Auftritt in der momentan angesagtesten Fernsehshow ›Leuchtenladen‹ hatte sie in Deutschland mehr Aufmerksamkeit auf sich gezogen – vor allem wohl durch besagte Affäre mit der beliebten Moderatorin dieser Sendung.

Während sie das Cover, das sie sich bildschirmfüllend anzeigen ließ, aufmerksam studierte, musste Kira sich eingestehen, dass auch sie Vanessa Harris umwerfend gutaussehend und sexy fand. Genau wie der Rest der Welt. Aber diese Anziehung war mehr abstrakt, so wie man ein Kunstwerk schön fand. Von der Persönlichkeitsstruktur schien ihr die Schauspielerin, wie so viele ihrer Zunft, eher an Oberflächlichkeit orientiert zu sein: Aussehen, Wirkung und nicht zu vergessen Geld. Warum sonst hätte sie sich für all diese Hollywood-Blockbuster hergeben sollen, in denen sie rein optisch eine Topfigur machte, die aber ihren darstellerischen Fähigkeiten kaum gerecht zu werden schienen?

Wobei es dazu nicht passte, dass sie jetzt tatsächlich bei ›Blutsschwestern‹ mitmachen würde, ohne dafür irgendwas zu verlangen. Und was das für ihre, Kiras, Zukunft bedeutete, das war momentan noch überhaupt nicht abzusehen.

Kira sortierte ihre braunen Rastalocken und fasste die vielen kleinen Zöpfe nachdenklich zu einem großen zusammen. Bisher hatte sie sich nach ihrem Abschluss an der Filmakademie vor ein paar Jahren mehr schlecht als recht mit kleineren eigenen Projekten und Aufträgen als Regieassistentin über Wasser gehalten. Die Drehbuchförderung für ›Blutsschwestern‹ war wie aus heiterem Himmel gekommen, und die anschließende Bewilligung der Produktionsförderung war ihr dann richtiggehend unheimlich vorgekommen. So viel Glück hatte sie bisher nicht gehabt. Dass jetzt auch noch Vanessa Harris zusagte, schien fast zu gut, um wahr zu sein.

Aber ein bisschen Glück steht mir ja wohl auch mal zu, dachte sie bei sich. Die letzten Jahre waren nicht einfach gewesen. Andere Leute hätten in ihrer Situation vielleicht gar nicht mehr weitergemacht mit ihrem Beruf. Sie wandte den Blick zu dem Familienfoto im Bücherregal neben ihrem Schreibtisch. Uli und Stephan, ihre zwei Väter, die Arme herzlich umeinander und um Kira geschlungen, sie selbst in der Mitte lächelnd. Da waren sie noch glücklich gewesen. Da hatten sie es noch nicht gewusst.

Kira fand sich auf Fotos immer so unscheinbar. Sie sah nett aus, das ja. Und sie wusste, dass sie eine positive Ausstrahlung hatte. Inzwischen trug sie eine andere Brille als auf dem Bild. Eine Cateye – die Ecken gingen leicht nach oben, very fifties. Das gab ihrem harmlos-freundlichen Gesicht einen kessen Ausdruck. Sie betrachtete ihre strahlenden graublauen Augen, die immer mitlachten, wenn sie lächelte, auch auf diesem Foto. Nett. Freundlich. Offen. Aber weit entfernt von einer Femme fatale wie Vanessa Harris. Die war ein ganz anderes Kaliber.

Na und, dachte Kira fast ein wenig trotzig. Wen kümmerte das schon, das war so was von unwichtig. Andere Dinge waren viel entscheidender. Was gäbe sie nur darum, diese eine Sache ändern zu können . . . Dafür würde sie sogar in Kauf nehmen, die hässlichste Frau auf der ganzen Welt zu sein. Stattdessen war sie nur die mittelmäßig hübsche Tochter von zwei schwulen Papis aus einer Reihenhaussiedlung in Berlin-Reinickendorf, ohne die Option, irgendetwas eintauschen zu können.

Energisch versuchte Kira die negativen Gedanken zur Seite zu schieben und sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Das hatte sie erst in letzter Zeit lernen müssen, auf die denkbar bitterste Weise. Aber dadurch wusste sie jetzt immerhin, dass sie es in vollen Zügen genießen würde, einmal in ihrem Leben mit einer großen Hollywoodschauspielerin zu arbeiten. Dazu noch mit einer richtig guten. Denn das musste man der Harris lassen: Sie war phänomenal.

Wer wusste denn schon, ob eine solche Gelegenheit noch einmal wiederkäme. Wer wusste schon, was morgen war. Mit einer Zukunft, die es vielleicht nie geben würde, hatte Kira abgeschlossen.

Mit neuem Elan machte sie sich an die Überarbeitung des Drehplans von ›Blutsschwestern‹, um überall die große Neuerung einzubauen. Um Vanessa Harris einzubauen. Und erst als sie den Namen der Schauspielerin mit eigenen Händen in ihr Spreadsheet tippte, lachte sie laut auf. Erst jetzt war es echte, sichtbare Wirklichkeit. Sie stieß einen kleinen Schrei aus vor Aufregung.

Eddy sprang auf und hüpfte auf ihren Schoß, tanzte aufgeregt herum, stieß spitze Töne aus und versuchte ihr das Gesicht abzuschlecken. Und Kira lachte und lachte, konnte gar nicht mehr aufhören, lachte so ausgelassen wie schon sehr lange nicht mehr.

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