• Ruth Gogoll: Japanisches Feuerwerk

Vor einem Jahr kam Ilsas japanische Freundin Michiko bei einem Flugzeugabsturz ums Leben, und Ilsa trauert am Silvesterabend noch immer um sie. Doch die Einsamkeit wird jäh durchbrochen von einer bösen Überraschung, und auf einmal findet Ilsa sich mitten in einem japanischen Manga wieder – mit Action, Liebe und allem Drum und Dran.

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Eckdaten
Format Kindle-ebook
Seiten 17
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Silvester. Wieder einmal.

Sie stand am Fenster und schaute auf die nasse Straße hinaus. Kein Schnee.

Das Zimmer war überheizt, weil sie in letzter Zeit das Gefühl hatte, permanent zu frieren. Vielleicht wurde sie krank. Aber sonstige Anzeichen gab es keine.

Ihr Atem beschlug die Scheibe, aber es war nicht kalt genug, um ihn gefrieren zu lassen. Er verdunstete in der Wärme der Heizungsluft.

Einsamer Atem, dachte Ilsa. Nicht einmal er will bei mir bleiben.

Sie holte tief Luft. Einsamkeit war eine tägliche Erfahrung, seit Michiko nicht mehr da war. Genau an Silvester vor einem Jahr war sie mit einem Flug aus Tokio abgestürzt, über dem Meer, man hatte die Maschine nie gefunden. Sie war auf dem Weg zu Ilsa gewesen.

Michiko zeichnete Mangas, und sie war sehr erfolgreich damit. Sie pendelte zwischen Japan und Europa hin und her, weil ihre Mangas auch hier sehr gefragt waren. Nun ja, früher, bevor Ilsa und sie sich auf einer Messe kennengelernt hatten, war sie nicht so viel gependelt. Aber dann nutzte sie die Großzügigkeit der Verlage so oft aus, wie sie konnte, um Ilsa zu sehen. Weder sie noch Ilsa hatten sich je Gedanken darüber gemacht, dass diese ständigen Flugreisen ein Risiko sein könnten. Michiko war schon Dutzende Male geflogen und wieder heimgekehrt, als hätte sie das Haus nur für einen Spaziergang verlassen.

Und dann kam die Nachricht vom Absturz. Ilsa konnte es zuerst nicht glauben. Vielleicht hatte Michiko die Maschine ja verpasst. Ilsa hatte vor ihrem Abflug noch einen sehr hastigen Anruf von ihr bekommen. Sie war zu spät, war aufgehalten worden, versicherte aber, dass sie die Maschine noch erreichen würde.

Ilsa rief immer wieder bei der Fluggesellschaft an, fragte nach, ob es Überlebende gab, ob alle Passagiere mitgeflogen waren. Es gab keine Überlebenden, die Maschine war in den Tiefen des Meeres versunken, und ja, Michiko war mitgeflogen. Sie hatte im letzten Moment eingecheckt.

Für Ilsa brach eine Welt zusammen. Michiko, ihre süße, zarte, bezaubernde Michiko, ihre Lotusblüte, die große Liebe ihres Lebens, war für immer fort.

Das folgende Jahr war furchtbar. Ilsa verlor ihren Job, weil sie einfach nicht mehr in der Lage war zu arbeiten. Ihre Gedanken waren ständig bei Michiko. Sie saß nur noch zu Hause und starrte die Wände an. Das Leben hatte keinen Sinn mehr. Sie lebte in der Vergangenheit, ging immer wieder die Fotos durch, die sie gemeinsam zeigten oder Michiko allein, lachend vor einem Shinto-Schrein, diesen verspielten japanischen Gebetstempeln, von denen sie einige besichtigt hatten. Ilsa war sehr beeindruckt gewesen von den Tänzen und von der Verehrung der Seelen Verstorbener, die in diesen heiligen Hallen stattfand. Ob Michikos Seele auch dort war? Sie hatte überlegt hinzufliegen, aber die Vorstellung war ihr doch zu fremd. Es war eben eine andere Kultur.

Michiko erklärte ihr geduldig alle Facetten der japanischen Kultur, bis Ilsa sie lachend in die Arme nahm und sagte: »Ich liebe Japan«, wobei ihre Augen eindeutig sagten: »Ich liebe dich.«

»Ich liebe dich«, sagten sie beide nie, denn Ilsa hatte schnell gelernt, dass romantische Liebe bei der japanischen Jugend, zu der Michiko eindeutig gehörte, verpönt war. Emotionale Verschlossenheit war der Normalfall. Auch Michiko war anderen Menschen gegenüber eher scheu. Dass sie sich überhaupt nähergekommen waren, konnte Ilsa sich manchmal selbst nicht erklären. Aber es lag wohl daran, dass sie zu Anfang nur über Mangas gesprochen hatten. In Mangas kam Liebe durchaus vor. Aber das waren eben nur Bilder.

Glücklicherweise war Michiko durch ihre vielen Reisen nach Europa jedoch auch mit dem europäischen Hintergrund vertraut, und Ilsa stellte fest, dass sie sich nach etwas sehnte, das sie in Japan nicht bekommen konnte. Michiko hätte das niemals gesagt, sie hätte das Wort Sehnsucht nie in den Mund genommen, aber sie öffnete sich Ilsa in einer Weise, wie sie es in Japan nie hätte tun können.

Dieses Scheue, Zurückhaltende an Michiko war so ungewöhnlich und anziehend, dass Ilsa sich sofort in sie verliebte. Michiko war wirklich wie eine zarte Lotusblüte, zerbrechlich und schön, die beschützt werden musste, damit sie niemand zertrampelte.

Sie dachte daran, wie lange es gedauert hatte, bis sie zum ersten Mal miteinander schliefen. Michiko schien überhaupt kein Interesse an Sex zu haben. Schon Berührungen waren ihr offenbar fremd, Nähe in der Art, wie sie zwei nackte Körper beim Sex erforderten, fast unvorstellbar.

Als Ilsa das erste Mal versuchte Michiko zu küssen, war sie starr wie eine Puppe. Dann jedoch gab es die Mangas. Michiko begann die Situationen zu zeichnen, die sie sich anscheinend selbst wünschte. Ilsa tat genau das, was Michiko zeichnete, und auf einmal konnte Michiko reagieren. Sie brauchte das Vorbild der Zeichnungen, um zu wissen, was sie tun musste.

Mit der Zeit war es dann selbstverständlich geworden. Michiko blieb zurückhaltend, aber sie konnte die Nähe genießen, die sich zwischen ihnen entwickelte. Sie genoss sie sogar sehr. Ilsa verliebte sich immer mehr in sie, und Michiko hatte darüber nachgedacht, ganz nach Europa zu ziehen. In der Tat hätte dieser Flug an Silvester der letzte für lange Zeit sein sollen. Michiko wollte in Europa bleiben, sie hatten sich schon Wohnungen angesehen, für sie beide zusammen.

Und dann war dieser schreckliche Tag gekommen, dieses schreckliche Unglück. Die Zeit war stehengeblieben. Ilsas Leben schien beendet. Sie war abgeschnitten von allen Gefühlen außer Trauer.

Für heute Abend hatte sie sich eine Pizza bestellt, wie so oft. Sie verließ das Haus nicht mehr gern, sie ging selten einkaufen, fast nie. Beim Pizzadienst hatte sie schon ein Abonnement.

Es klingelte. Der Pizzabote kam. Sie ging zur Tür, um zu öffnen.

Statt in das Gesicht des Boten blickte sie wie immer auf seine Hände. Aber da war keine Pizza.

Erstaunt hob sie den Kopf und taumelte im nächsten Moment ins Zimmer zurück.

»Ilsa . . .«, sagte Michiko weich, als sie hereintrat und die Tür hinter sich schloss.

»Michiko.« Ilsas Stimme krächzte. Sie benutzte sie nicht mehr oft.

»Ilsa«, wiederholte Michiko und blieb, wo sie war. Sie bewegte sich keinen Zentimeter.

»Das . . . das . . . kann nicht sein.« Ilsa keuchte. Sie fasste sich ans Herz. Das war ein Traum, eine Fata Morgana, eine Wunschvorstellung, die sich plötzlich vor ihr materialisierte, weil sie nicht allein sein wollte. Michiko war tot, abgestürzt, im Meer begraben. »Du . . . du . . . bist tot.« Wenn sie es aussprach, verschwand diese Luftspiegelung vielleicht.

»Ich bin hier«, sagte Michiko.

Ilsa starrte sie an, aber das Bild verschwand nicht. Die Gestalt bewegte sich nun einen Schritt auf sie zu, blieb wieder stehen.

»Ich weiß, das ist ein großer Schock für dich«, sagte Michiko. »Aber ich war nicht in dem Flugzeug.«

»Du warst nicht . . .« Ilsa tastete nach der Sessellehne neben sich und sank darauf nieder. Ihre Beine trugen sie nicht mehr. »Aber warum . . . warum hast du dich nicht gemeldet? Ich bin fast gestorben –«

»Es war besser so«, sagte Michiko. »Ich hatte meine Gründe.«

»Gründe?« Ilsas Blick war unverwandt auf Michikos Gesicht gerichtet, das wie immer undurchdringlich erschien. Sie hatte nie sagen können, was sie dachte. Aber sie hatte ihr Lachen geliebt, denn dann schien Michiko sich ganz zu öffnen, ein anderer Mensch zu werden. Aber im Moment lachte sie nicht.

»Ich kann dir das jetzt nicht erklären –«, setzte Michiko an, aber ein Krachen unterbrach sie.

Die Tür wurde aufgebrochen, mit einem einzigen Tritt, wie es schien. Sie landete auf dem Boden hinter Michiko. Michiko wirbelte herum, eine schwarz gekleidete Gestalt mit einer ebenso schwarzen Gesichtsmaske stürzte auf sie zu, Michiko ließ sich fallen und warf die Gestalt über sich durch die Luft. Gleich waren beide wieder auf den Beinen, gingen aufeinander los, verknäulten sich, kugelten durch den Raum. Sie stießen mit Wucht an ein Regal, alles fiel herunter, regnete auf sie, es klirrte und schepperte.

Michiko riss dem Angreifer die Maske herunter, es war ebenfalls ein Japaner. Er hob eine Waffe, sie schlug sie ihm aus der Hand, da griff er zu einem Messer, das er ans Bein geschnallt trug, und stieß es ihr in den Oberschenkel.

Kein Laut kam von Michikos Lippen. Sie packte den Angreifer an den Haaren, war blitzschnell hinter ihm, umschlang seinen Hals, und im nächsten Moment erklang ein Geräusch, das Ilsa durch Mark und Bein ging. Der Angreifer sank zusammen.

Michiko knickte ein. Der Stich in ihrem Oberschenkel blutete.

Ilsa starrte mit offenem Mund auf die Szene. »Was . . . du . . . Ist er tot?«, stammelte sie.

Michiko nickte. »Ich habe ihm das Genick gebrochen.«

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Ruth Gogoll: Japanisches Feuerwerk

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