• Ruth Gogoll, Terry Waiden: Raven

Alle drei Raven-Geschichten in einem Band

Als Raven die Stadt betritt, ahnt sie nicht, welche Überraschungen das Schicksal für sie bereithält. Das Geheimnis ihrer Herkunft, von ihrer Mentorin Lektra streng gehütet, ist der Schlüssel im Kampf gegen die dunkle Königin Adriana, die mit schwarzer Magie alle Macht an sich zu reißen versucht. Obwohl sich Raven dagegen wehrt, muss sie ihre verborgenen Kräfte erwecken, um das Böse zu vernichten . . .

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Ravens Geheimnis

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Ravens Schicksal

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Ravens Nemesis

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Leseprobe:

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Eckdaten
Format Taschenbuch
Seiten 300
Leseprobe

Als Raven in dieser Nacht die Stadt betrat, nahm sie den silbernen Glanz des Mondes kaum wahr, der jedem Gebäude, jeder Straße, mochten sie auch noch so heruntergekommen sein, einen ganz eigenen Zauber verlieh.

Eine Stadt war wie die andere, wenn man Geld verdienen musste. Schönheit oder Hässlichkeit, ihr war alles gleich.

Aber so schnell musste sie gar nicht Geld verdienen, der letzte Auftrag war sehr einträglich gewesen.

Sie fasste in ihre Tasche, als müsste sie sich vergewissern, dass das Geld noch da war. Hätten die Kriminellen dieses gottverlassenen Fleckens gewusst, wie viel Geld sie bei sich trug, wäre sie sicher nicht lange allein geblieben. Die Avancen, die sie ihr gemacht hätten, hätten sich jedoch wohl kaum auf ihr Aussehen bezogen.

Obwohl das nicht zu verachten war. Sie war groß, sehr groß für eine Frau, und die mit dem Kinn abschließenden blonden Haare, die jetzt von der Kapuze des langen, dunklen Umhangs, den sie trug, verdeckt wurden, umrahmten ihr feingeschnittenes Gesicht wie eine Aura aus Gold.

Sie setzte dieses Aussehen durchaus auch geschäftlich ein, obwohl ihr wesentlich bessere und zuverlässigere Mittel zur Verfügung standen, einen Geschäftspartner von ihren Fähigkeiten zu überzeugen, ohne dass er es merkte.

Viele ihrer Auftraggeber waren sich gar nicht bewusst, weshalb sie ihr einen Auftrag erteilten, schüttelten hinterher den Kopf und fragten sich, warum ihre anfängliche Ablehnung in so überbordende Begeisterung umgeschlagen war, aber dann . . . sie war eine schöne Frau, warum nicht? Sie grinsten und dachten sich nichts weiter dabei.

Raven grinste auch, aber hinter ihrem Rücken. Sie wusste sehr genau, warum ihr jemand, von dem sie einen Auftrag wollte, diesen auch erteilte. Hätten es ihre Auftraggeber gewusst, hätten sie sich vielleicht gefürchtet. Wie schon so mancher andere, der Ravens Geheimnis zu spüren bekommen hatte.

Aber es war nicht sinnvoll, Leute unnötig zu erschrecken. Sie konnte die Blicke, die ihr ausgewichen waren, noch in ihrem Rücken spüren. Bevor sie selbst es wusste, hatten andere gewusst, dass etwas mit ihr nicht in Ordnung war, dass sie anders war als die anderen.

Sie hatten es ihr nicht erspart, ihr zu zeigen, dass sie es nicht mochten, wenn jemand anders war. Sie hatte die Hölle durchgemacht, bevor sie endlich stark genug war, sich zu wehren.

Dann allerdings hatte sie einen anderen Blick in ihren Augen gesehen: den der Angst. Zu Anfang hatte dieser Blick sie beschützt, ihr Freude bereitet nach all den Schmerzen, die sie ihr zugefügt hatten, aber sie lernte schnell, dass diese Freude ein zweischneidiges Schwert war.

Denn auch die Blicke derjenigen, an denen ihr lag, zeigten Furcht. Obwohl sie sich gewünscht hätte, dass es Zuneigung gewesen wäre, Sympathie. Dafür war es jedoch anscheinend zu spät.

Deshalb war sie fortgegangen und hatte beschlossen, ihr Geheimnis fortan zu verstecken. Aus dem hässlichen Entlein war ein stolzer Schwan geworden, niemand würde ihr mehr etwas tun. Aber diejenigen, die um ihr Geheimnis wussten, waren eine Gefahr. So zog sie nun von Stadt zu Stadt und ließ niemand mehr dicht genug an sich heran, um diese Gefahr heraufzubeschwören.

Es war ein einsames Leben, aber durchaus befriedigend, wenn auch vielleicht weniger in dem Sinne, wie es wohl die meisten verstanden. Raven hatte keine Freunde, keine Familie, niemanden, der ihr nahestand. Bis auf eine einzige Ausnahme. Ihretwegen war sie nach langer Zeit einmal wieder in diese Stadt gekommen.

Ihretwegen und auch wegen etwas anderem. Sie genoss ihre Freiheit, eine Freiheit, von der viele nur träumten, aber sie hatte auch ihren Preis. So ungebunden zu sein entschädigte für vieles, aber nicht für alles.

Wenn es sie einmal wieder nicht genug entschädigte, kam Raven nachts in eine Stadt wie diese und dachte nicht an Geschäfte. Einsamkeit bedeutete nicht, dass sie immer allein sein musste.

Sie stieß eine Tür auf und betrat die verrauchte Kneipe. Unangenehm berührt kniff sie die Augen zusammen. Sie hasste Rauch, aber das war etwas, wovor selbst sie sich nicht schützen konnte. Während sie ihren Blick durch die dunstverhangene Luft schweifen ließ, stürzte vieles auf sie ein. Gedanken, Gefühle, Erinnerungen, Hoffnungen, Sehnsüchte, betrunkenes Chaos. Für einen Moment überlegte sie, ob sie wieder gehen sollte.

Nein. Sie war aus einem bestimmten Grund gekommen, und sie würde nicht wieder gehen, bevor sie erreicht hatte, was sie wollte.

Sie ging zur Theke vor und ließ sich auf einem Barhocker nieder.

»Hallo Fremder.«

Kaum hatte Raven sich gesetzt, erschien eine Frau mit rotgefärbten Haaren neben ihr und lächelte sie vielversprechend an. Ihre Augen trugen Geldzeichen.

Raven atmete innerlich tief durch. Eine Professionelle. »Nein, danke«, sagte sie. »Gib dir keine Mühe. Ich bin nicht interessiert.«

»Ach, komm schon . . .« So leicht ließ sich ein Profi nicht die Butter vom Brot nehmen. »War ein schlechter Tag heute. Ich brauch noch ein bisschen Kleingeld.«

Raven machte eine Geste zum Barkeeper hin, um ihm zu bedeuten, was er ihr einschenken sollte, und griff gleichzeitig in ihre Tasche. »Hier. Mach dir einen schönen Abend.«

»He, du bist aber großzügig!« Mit einem schnellen Griff war das Geldbündel im Ausschnitt dieser Schönen der Nacht verschwunden. »Kann ich nicht trotzdem irgendwas für dich tun?« Ihre Hand wanderte an Ravens Schenkel entlang zur Mitte.

Raven hielt sie fest. »Nein.« Sie fixierte die harten Augen der anderen mit einem Blick, der ebenso hart war. »Ich habe dich dafür bezahlt, dass du mich in Ruhe lässt, nicht das Gegenteil.«

»Wie du willst.« Die Rothaarige zuckte die Schultern und verschwand.

Raven schaute sich erneut um, während sie an dem Drink nippte, den der Barkeeper zwischenzeitlich vor sie hingestellt hatte. Es waren einige Frauen hier, aber sie waren offensichtlich alle vom selben Schlag.

Sie stellte das Glas wieder ab. Wenn nichts anderes da war, würde sie sich zum Schluss eine von ihnen aussuchen, wie schon so oft. Aber nicht die Erstbeste, die sich ihr an den Hals warf. Das war nie eine gute Wahl.

Geld spielte keine Rolle, sie hatte kein Problem damit, es zu verschenken. Sie konnte sich jederzeit neues besorgen. Aber sie hätte sich gewünscht, eine Frau zu finden, die kein Geld dafür nahm.

Dafür ist das hier der falsche Ort, dachte sie. So eine Frau wirst du hier nicht finden.

Vielleicht hätte sie ein wenig länger suchen sollen. Die erstbeste Kneipe war genauso wenig eine gute Wahl wie die erstbeste Frau.

Sie beschloss, wieder zu gehen. Heute war kein guter Tag, die Rothaarige hatte Recht. Sie sollte ihr Vorhaben auf einen anderen Tag verschieben.

Plötzlich entstand ein Tumult, Stühle fielen um, Gläser zerbrachen, Männer fluchten, einer schrie laut: »Du verdammter Hurensohn!« Wie aus dem Nichts hatte er einen zerbrochenen Flaschenhals in der Hand. »Ich hab sie gewonnen! Gib sie mir!«

Irritiert runzelte Raven die Stirn. Was war da los?

»Wir spielen noch mal«, sagte eine Männerstimme, die im Gegensatz zu der des ersten Mannes nicht betrunken schien. »Ich gewinne sie zurück.«

»Ich spiele nicht noch mal.« Der Mann mit der Flasche ging drohend auf den anderen zu. »Sie gehört mir. Ich will sie. Jetzt!«

Raven spürte die Wut und das Verlangen in dem betrunkenen Mann, von dem anderen spürte sie nur Kälte. Ihm lag nichts an der Frau, die eingeschüchtert hinter ihm in der Ecke stand.

Sie ist keine Frau. Plötzlich wurde es Raven bewusst. Sie ist nur ein Mädchen. Ein Kind.

Sie stand auf. Langsam ging sie zu dem Tisch hinüber, vor dem der Betrunkene vornübergebeugt stand, die Flasche vorgereckt.

Ravens Blick nahm alles in sich auf, die Flasche, die zitternde Hand, die umgestürzten Stühle, das gleichmütige Gesicht des Verlierers, der völlig unbeeindruckt schien, und tastete mit sämtlichen Sinnen nach einer Lücke.

Es lag ihr nichts daran, mit allen hier im Raum gleichzeitig in Streit zu geraten. Sie konnte das bewältigen, aber es war nicht der Mühe wert. »Ich kaufe sie dir ab«, sagte sie zu dem Betrunkenen. »Wie viel willst du?« Sie griff in ihre Tasche und zog ein Bündel heraus, mit dem sie vor seiner Nase herumwedelte.

»Ich will kein Geld, ich will sie!« Der Betrunkene stach mit einem Finger durch die Luft in Richtung des Mädchens. »Er hat sie an mich verloren.«

Aber Ravens Intervention hatte ihn aus dem Konzept gebracht. Er richtete sich auf und stand da wie ein begossener Pudel.

Raven betrachtete ihn mitleidig. Jeder hätte ihm alles wegnehmen können. Er war ein Verlierer.

»Sie ist noch Jungfrau«, sagte die Stimme des kalten Mannes von der anderen Seite des Tisches her. »Er hat sie zu einem lächerlich geringen Preis gewonnen. Ich hätte sie zu einem viel höheren Preis versteigern können.«

»Dann hättest du nicht um sie spielen sollen.« Ravens kalter Blick übertraf die Kälte in seiner Stimme noch. »Er hat sie gewonnen, und jetzt kann er sie verkaufen.«

»Er will sie umsonst.« Die sonst so gefühllose Stimme nahm einen verächtlichen Klang an. »Er weiß überhaupt nicht, was sie wert ist. Wenn er sie gehabt hat, ist sie wertlos.« Er griff nach einer Waffe, die er bisher unter dem Tisch verborgen gehalten hatte.

Doch im nächsten Moment erstarrte sein Gesicht zur Maske. »Du hast Recht«, sagte er tonlos. »Ich habe sie verloren. Macht mit ihr, was ihr wollt.« Die Waffe baumelte nutzlos in seiner Hand. Er schien sie ganz vergessen zu haben.

»Gib mir das Geld!« Der Betrunkene ließ die Flasche fallen und griff nach dem Bündel vor seiner Nase. Raven überließ es ihm. »Aber besorg es ihr gleich hier, ja?«, fuhr er schmierig fort. »Und wenn du sie über den Tisch gelegt hast, überlässt du sie uns.« Er fuhr sich gierig über die Lippen. »Wie er gesagt hat, ist sie dann ja nichts mehr wert.«

»Langsam fängt das hier an, mich zu langweilen.« Raven warf einen Blick zu der jungen Frau in der Ecke. »Komm. Wir gehen.« Ohne auf ihre Reaktion zu warten, drehte sie sich um und ging zur Tür. »Komm«, wiederholte sie, ohne sich noch einmal umzuschauen, als die Kleine ihr nicht sofort folgte. »Sie werden dir nichts tun.«

Das verschüchterte junge Mädchen löste sich aus der Ecke und lief Raven ängstlich nach links und rechts blickend hinterher.

Vor der Tür ging Raven weiter die Straße hinunter, ohne stehen zu bleiben. Das Mädchen holte sie schwer um Atem ringend ein, bis sie neben ihr hergehen konnte.

Raven blickte auf sie hinunter, sie war mehr als einen Kopf größer als dieses halbe Kind. Raven bemerkte, dass ihre Brüste sich noch kaum geformt hatten. »Du musst nicht bei mir bleiben. Geh, wohin du willst. Du bist frei.«

Ungläubig blickte das zierliche Mädchen zu ihr hoch. »Du willst mich nicht? Aber du hast mich gekauft.«

»Ich mag es nicht, wenn Menschen wie Ware verschachert werden«, bemerkte Raven ruhig. »Es war der einfachste Weg, dem ein Ende zu machen.«

»Aber ich . . .« Die Kleine senkte den Kopf. »Ich weiß nicht, wohin. Mein Vater hat mich an Curso verkauft. Ich kann nicht mehr zurück. Er würde mich umbringen, wenn er hört –«

»Dass du immer noch Jungfrau bist?« Raven lachte trocken auf. »Du musst es ihm ja nicht sagen.«

»Ich kann nicht zurück«, wiederholte das junge Mädchen. Ihre dunkelbraunen Locken schwangen weich um ihr Gesicht, während sie versuchte, Ravens Tempo zu halten. »Er würde mich sofort an den nächsten verkaufen, wenn er es erführe. Und wenn er glaubt, dass ich . . . dass ich – dann schickt er mich gleich in die Kneipen.«

»Ja, Männer sind so«, bestätigte Raven ohne hörbares Mitgefühl.

Ein scheues Lächeln huschte über das Gesicht der jungen Frau. »Du bist nicht so. Und du bist doch auch ein Mann.«

Raven hätte fast widersprochen, aber es war richtig: Die Kleine sah einen Mann, weil Raven, bevor sie die Kneipe betrat, mit ihren geistigen Fähigkeiten dieses Bild von sich selbst erzeugt hatte. Jeder in der Kneipe hatte nur einen Mann gesehen. So waren die Leute weniger irritiert, und Raven hatte eine größere Auswahl. Die langwierige Suche nach einer Frau, die auf Frauen stand, erübrigte sich auf diese Weise. Auch wenn der Sex dann nicht ganz so ablief, wie Raven es sich wünschte.

»Ich brauche dich nicht«, sagte sie. »Ich schlafe nicht mit Kindern.«

»Ich bin kein Kind mehr!« Der Protest kam ohne Verzögerung.

Raven lächelte leicht, was jedoch kaum zu erkennen war. »Du bist zu jung für mich, egal, wie alt du dich fühlst.«

»Ich . . . ich gehöre dir. Du kannst mit mir machen, was du willst. Hat Curso gesagt«, erwiderte die Kleine. »Wenn du nicht . . . wenn du nicht das willst, kann ich andere Dinge für dich tun. Ich kann für dich sorgen. Ich kann kochen, putzen, dein Haus für dich in Ordnung halten –«

»Ich habe kein Haus«, sagte Raven. »Ich reise immer nur herum. Es gibt nichts, was du in Ordnung halten könntest.«

»Bitte . . .« Nun klang die Stimme des Mädchens verzweifelt. »Ich tue wirklich alles, was du willst. Wenn ich nur bei dir bleiben kann.«

Raven blieb stehen. »Wie ist dein Name?«

»Reola.« Als ob ihr das peinlich wäre, blickte Reola zu Boden.

»Gut, Reola, pass auf.« Raven beugte sich leicht zu ihr. »Ich bin nicht der häusliche Typ, und das werde ich auch nie sein, verstehst du? Ich brauche niemanden. Es hat keinen Sinn, wenn du mit mir kommst.«

Als hätte sie nur auf die Gelegenheit gewartet, warf Reola ihre Arme um Ravens Hals und drängte sich an sie. »Bitte . . .«, flüsterte sie. »Du willst es doch. Jeder Mann will das. Sie hätten viel für mich gezahlt. Und ich kann dir jede Nacht geben, was du dir wünschst.« Sie versuchte, ihre Lippen auf Ravens Mund zu pressen. »Ich bin gut, ganz bestimmt. Du hast viel Geld für mich gegeben. Und du sollst alles bekommen, wofür du bezahlt hast. Mehr als das.« Sie schwang ihre Hüften gegen Raven, als wollte sie gleich hier beweisen, was sie konnte.

Raven wurde trotz ihres Schutzwalls überschwemmt von Reolas Gefühlen. Sie spürte, dass das Mädchen sich nicht nur für Geld anbot, sie sehnte sich nach Ravens starken Armen, nach Schutz und Geborgenheit, und in ihrem jugendlichen Überschwang hatte sie sich sofort in den großen blonden Mann, den sie vor sich sah, verliebt.

Raven löste Reolas Hände von ihrem Hals. »Wann hast du das letzte Mal etwas gegessen?«

Reola wirkte irritiert. »Gestern . . . glaube ich. Curso wollte mich heute versteigern, deshalb sagte er, es wäre nicht mehr nötig, dass ich esse. Das könnte dann der Käufer bezahlen.«

»Ein richtiger Charmebolzen«, bemerkte Raven sarkastisch. »Dann komm. Es wird ja wohl irgendwo etwas zu essen geben.«

»Ich darf bei dir bleiben?«

Raven fühlte den Schwall von Erleichterung, der von Reola auf sie überschwappte. »Ich kaufe dir was zu essen, und dann tust du, was du willst«, erwiderte sie abweisend. »Ich bin in die Stadt gekommen, um Geschäfte zu machen, nicht um mich um ein Kind zu kümmern.«

Wegen Geschäften bist du nicht hergekommen, erinnerte sie eine Stimme in ihrem Innern an die Wahrheit. Warum nimmst du die Gelegenheit nicht wahr, das zu bekommen, weshalb du hergekommen bist?

»Ich bin kein –«

»Okay, lass uns nicht darüber streiten«, unterbrach Raven die Wiederholung der bekannten Beteuerung. »Da vorn ist eine Wirtschaft, die ich kenne. Gutes Essen, keine Versteigerungen.«

Kurz darauf stieß sie die Tür auf und betrat den Schankraum, in dem einige Leute an Tischen saßen und aßen.

»Raven!« Eine Stimme ließ sie herumfahren. »Dich habe ich ja eine Ewigkeit nicht gesehen!«

Eine ältere Frau, in ein farbenfroh wallendes Gewand gekleidet, das ihre Fülle jedoch kaum verbarg, kam strahlend auf Raven zu. »Wie schön, dass du einmal vorbeischaust.« Sie warf einen Blick auf Reola. »Und wer ist diese junge Dame?«

»Nicht, was du denkst«, murmelte Raven. »Sie hält mich für einen Mann.«

»Oh, sie –« Der Blick der älteren Frau wurde wissend. »Was war los?«

»Sie sollte verkauft werden«, erklärte Raven kühl. »Ihre«, sie räusperte sich, »Jungfräulichkeit stand zur Versteigerung.«

»Und du hast sie ersteigert?« Die Frau grinste.

»Lektra, du weißt, dass ich so etwas nie tue«, entgegnete Raven hoheitsvoll. »Ihr . . . Besitzer hat sie in einem Würfelspiel verloren, und ich habe sie dem Gewinner abgekauft. Er hätte sie nur –«

»Ich weiß«, sagte Lektra mitfühlend. »Und sie ist noch so jung.«

»Ja, das ist sie. Und wie alle jungen Menschen hat sie Hunger«, lenkte Raven schnell von dem Thema ab, das Lektra jetzt bestimmt anschlagen wollte. »Gibst du ihr etwas zu essen? Der Kerl hat ihr seit gestern nichts mehr gegeben.«

»Dann aber schnell.« Lektra ließ ihren Blick über die zarte Gestalt streifen. »Du hast es wirklich nötig, Kind.«

»Ich bin kein –«

»Iss!«, unterbrach Raven sie befehlend. »Du bekommst eine Erwachsenenportion.«

Lektra winkte einer Kellnerin. »Fin, nimm sie mit in die Küche. Sie soll sich ein bisschen was anfuttern. Ist ja furchtbar schmal.«

Fin nickte und zeigte Reola, die einen etwas misstrauischen Blick auf Lektra warf, den Weg.

»Was willst du mit ihr anstellen, wenn sie gegessen hat?«, fragte Lektra, als die beiden aus ihrem Blickfeld entschwunden waren. »Warum hast du ihr vorgemacht, du wärst ein Mann? Hast du Angst, sie ist nicht an Frauen interessiert?«

»Darum geht es nicht«, sagte Raven. »Ich war in dieser Kneipe, und ich bin als Mann hineingegangen, weil ich mir Zeit sparen wollte. Du weißt schon . . .«

»Ja, ich weiß.« Lektra schüttelte missbilligend den Kopf und ging hinter die Theke. »Denkst du nicht manchmal, dass sich der Zeitaufwand lohnt?« Im selben Atemzug stellte sie ein Getränk vor Raven hin. »Willst du auch was essen?«

»Nein, danke«, sagte Raven. »Ich will gleich wieder gehen. Bevor sie zurückkommt. Sie ist ein bisschen . . . anhänglich. Aber sie kann doch sicher hier bei dir bleiben. Kellnerinnen brauchst du immer.«

»Nicht wirklich«, sagte Lektra, »aber ist schon in Ordnung. Ich werde etwas für sie finden. Langsam ist es für dich wahrscheinlich auch ziemlich anstrengend, ihr vorzumachen, du wärst ein Mann.«

»Ja«, bestätigte Raven.

»Dann lass es doch.« Lektra lächelte. »Sie hat ein großes Faible für dich, sie wird es schon verkraften. Schließlich bist du eine sehr attraktive Frau.«

»Es ist mir lieber, sie denkt, ich bin ein Mann«, entgegnete Raven. »Dann hat sie wenigstens einen gekannt, der anders ist als die anderen.«

»Na gut.« Lektra nickte. »Ich kann dich ohnehin zu nichts zwingen.« Sie lächelte. »Nicht mehr.«

»Ich danke dir, Lektra.« Raven stand auf. »Und jetzt ist es glaube ich besser, ich verschwinde.« Sie hob die Hand.

»Da ist eine Neue in Conams Kneipe«, warf Lektra leichthin über den Tresen, während sie das Glas im Spülwasser versenkte. »Ich denke, sie könnte dir gefallen.«

Raven hob angedeutet die Mundwinkel. »Danke.«

»Gern geschehen.« Lektra schaute ihr wohlwollend lächelnd hinterher, als sie das Gasthaus verließ.

Vor der Tür schlug Raven die Kapuze hoch, um ihre feinen Haare zu verdecken. Nun konnte jeder in ihr wieder die Frau erkennen, und manche fühlten sich dadurch ermuntert, ihr Glück zu versuchen. Sie wollte sich Ärger ersparen.

Mit langen Schritten strebte sie Conams Kneipe zu.

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Ruth Gogoll, Terry Waiden: Raven

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